Schwere Jungs
Zu schwer? Zu groß? Wenn die Ladung nicht mit herkömmlicher Technik bewegt werden kann, muss die Schwimmkran-Crew ran.
Am Hansahafen recken sich entlang der Kaimauer die Zeugen glorreicher Hafengeschichte in den nebligen Februarhimmel. Das Hafenmuseum im Aufbau hat seine Sammlung von Hafenkränen, Flurförder- und Schienenfahrzeugen entlang des Bremer Kais aufgereiht. Ganz am Ende, am Hansahöft, liegen zwei der eindrucksvollsten Gerätschaften des Hafens. Die Schwimmkräne HHLA III und HHLA IV überragen mit ihren 76 beziehungsweise 57 Meter hohen Auslegern sogar die Containerbrücke gegenüber auf dem O’Swaldkai. Museumsstücke sind sie allerdings nicht, und das beachtliche Alter sieht man der bestens gepflegten Technik nicht an. Schon 1941 wurde HHLA III für die Marine gebaut. Das ist der höher aufragende der beiden Brüder, der „nur“ 100 Tonnen heben kann. HHLA IV ist 50 Jahre jung und wird mit seiner Hublast von 220 Tonnen zu den schwersten Kolli im Hafen gerufen.
70 TONNEN SCHWERE SCHIFFSSCHRAUBEN SIND STANDARD
2.750 Tonnen wiegt der Gigant, den Schiffsführer Hans Schulz gerade in Fahrt bringt. Er bedient zwei Steuerräder gleichzeitig, um den rechteckigen Ponton besser navigieren zu können. Unter den Propellern der Backbord- und Steuerbord-Maschinen liegen vertikal verstellbare Messer, die feine Kurskorrekturen mit geringstem Schub umsetzen können. Die anspruchsvolle Art der Steuerung erfordert Funkkontakt mit dem Maschinisten und Kranführer. Aber heute muss niemand das letzte aus dem Kran herauskitzeln, denn es wartet nur eine Schiffsschraube. Standard für die Schwimmkran-Crew. Fast täglich bringt sie Schwergut, das auf ein Containerschiff verladen werden soll, nach Altenwerder. Zu den Lasten, die für Containerbrücken zu groß oder zu schwer sind, gehören häufig Schiffsschrauben. Sie kommen mit Schwerlastern aus einer Spezialfabrik in Mecklenburg und werden auf einer angemieteten Fläche am O’Swaldkai zwischengelagert. Dort gehen gerade drei Decksleute an Land, um den messingglänzenden Propeller anzuschlagen.
was erledigt werden muss, wird erledigt
Der Ausleger schwenkt in Position, nach wenigen Minuten strafft sich das Ladegeschirr und der Ponton senkt sich deutlich. Die zusätzlichen 70 Tonnen Gewicht bringen aber niemanden aus dem Gleichgewicht. „Das ist doch ’ne Kleinigkeit. Der Kahn verträgt 310 Tonnen Deckslast“, meint Kranführer Rudolf Brandt, der gleichzeitig auch Maschinist ist. Fast alle aus seinem Team sind für mehr als eine Tätigkeit qualifiziert und tauschen bei Bedarf die Jobs. So können mit der relativ kleinen Crew von 10 Mitarbeitern, die zur HHLA-Holding gehören, beide Kräne gleichzeitig arbeiten. Die Schiffsbesatzung hat oft lange Tage, denn was erledigt werden muss, wird erledigt. Heute Vormittag musste bei halber Tide der Baakenhafen angesteuert werden. Nur in einem schmalen Zeitfenster konnten die Pontons, die dort aus Beton gegossen wurden, ins Wasser gesetzt werden. Sie sollen später als neue Anleger am Jungfernstieg dienen. Solche Aufträge erledigt der Schwimmkran im gesamten Hafengebiet und auf der Elbe bis Brunsbüttel: Kühlwasserpumpen für Dow Chemical auswechseln, auf der Norderwerft die neue Bay in ein zerlegtes Schiff einsetzen - eben alles, was es am Wasser zu heben gilt.
Schraube für schraube wird regelmässig alles geprüft
Damit HHLA III und IV noch viele Jahre fit bleiben, müssen sie bei laufendem Betrieb regelmäßig „unter Farbe gesetzt“ werden und alle vier Jahre „Klasse machen“. Das bedeutet, der Germanische Lloyd führt einen Schiffs-TÜV durch, und zwar in Dock 10 bei Blohm & Voss, wo noch die alten Baupläne liegen. Dazu kommt ein jährlicher TÜV für die Kräne, Seile und Traversen – läuft alles problemlos. Selbst die meisten der mehreren Maschinen pro Schwimmkran werden bald keine Schwierigkeiten mehr machen. Sie wurden entweder ersetzt, generalüberholt oder es läuft gerade die Bestellung der benötigten Ersatzteile. Zylinder für Zylinder, Schraube für Schraube wurde dann alles geprüft.
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