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"Die Handschrift war das Wichtigste"

Mit deutlicher Stimme und gestochen scharfer Handschrift organisierten sie die Arbeit an den Schuppen. Rupert Görtschacher berichtet von seiner Zeit als Einteiler am HHLA-Stückgutschuppen 75.

 

Auf einem großen Papierbogen hat Rupert Görtschacher fein säuberlich von Hand zehn Gänge notiert -Gang drei, ans Schiff, mit Kran 7, Stapler 37, Kranführer Meier und die übrigen neun Mann, Namen für Namen. Viele Hundert Informationen stehen in seiner gestochen scharfen Handschrift auf dem Bogen, mit dem er um Punkt 7 Uhr ans Rednerpult im Schuppen 75 am Kronprinzkai tritt. Die gesamte Mannschaft steht vor ihm, wartet darauf, dass er sie einzeln aufruft und ihnen sagt, wo sie in dieser Schicht arbeiten werden.

Über hundert Namen auf Din A2

Von 1972 bis 1980 arbeitete Rupert Görtschacher als Reserveeinteiler am HHLA-Stückgutschuppen 75. Wenn er heute davon erzählt, mit weit ausholenden Armen die Ausmaße des gut DIN-A2-großen Papierbogens zeigt und das imaginäre Blatt glatt streicht, könnte man meinen, er hätte den Plan eben wirklich geschrieben. Er habe erst vorhin mit den Einteilungs und Lohnkarten der über hundert Arbeiter über dem Schichtplan gesessen, Tagesstempel draufgehauen und Namen so lange auf dem Bogen hin und her geschoben, bis alles passte. „Als Einteiler sollte man natürlich was im Kopf haben, vor allem aber brauchte man eine laute, klare Aussprache und eine saubere Handschrift. Die Handschrift war das Allerwichtigste“, erklärt Görtschacher. Denn er musste den Plan nicht nur so schreiben, dass er den Arbeitern am Schuppen sagen konnte, mit welchem Gang sie in dieser Schicht wo und mit wem eingesetzt waren.

 

Schönschrift in fünffacher Ausführung

Wenn der Arbeitsplan für die Schicht stand, musste Görtschacher ihn einmal sauber abschreiben - mit fünf Blaupausen. Immer ein Blatt, eine Blaupause, ein Blatt, eine Blaupause: So kam ein dicker Papierstapel zusammen und damit man auch den untersten Durchschlag noch gut lesen konnte, musste er beim Schreiben sehr fest aufdrücken. „Da hat man sich die Schrift versaut“, erinnert sich Görtschacher und reibt sich seinen rechten Mittelfinger, an dem er heute noch eine Narbe hat, weil er vom vielen festen Aufdrücken ein Hühnerauge bekommen hatte. Doch die fünf Durchschläge waren damals - in den 1970ern, vor der massenhaften Verbreitung von Fotokopierern - extrem wichtig. Einer ging nach St. Annen in die Lohnbuchhaltung, die vier übrigen blieben am Schuppen; sie waren für Stellenleiter, Bereichsleiter, Lademeister und Gangführer gedacht.

 

Kein Vergleich zu Heute

Seit 1980 arbeitet der 61-jährige Görtschacher am Container Terminal Burchardkai (CTB) in der Einteilung Wasserseite, in der die Schichtpläne für fast 600 Hafenarbeiter gemacht werden. „Heute wird die Einteilung am Computer erstellt, ausgedruckt und unten ausgehangen. Dort schauen die Arbeiter dann selbst nach, wo sie diese Schicht arbeiten“, vergleicht der gebürtige Österreicher.

 

Nicht nur die Arbeit, auch der Status der Einteiler hat sich vom damaligen Schuppen zum heutigen Containerterminal wesentlich gewandelt. „Am Schuppen waren die Einteiler Herrgötter“, kommentiert Görtschacher. Sie hatten die Macht darüber, wo jemand eingesetzt wurde und wer die beliebte Mehrarbeit machen durfte. „Man konnte die Leute bestrafen, indem man sie drei Tage lang zum Bananenschuppen geschickt hat. Daher waren sie sehr freundlich zu den Einteilern“, erinnert er sich - und schiebt gleich hinterher, dass er diese Macht nie ausgenutzt habe, denn das liege nicht in seiner Natur.