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Die Feuerglocke

Im Atrium der HHLA-Zentrale steht rechts neben dem Fahrstuhl eine Glocke, die knapp120 Jahre alt ist. Sie kündete einst im Hafen von Bränden und rief die Feuerwehrleute zur Kehrwiederspitze. Hafenkenner Harry Braun erzählt uns ihre Geschichte.

Unter dem Zeitball an der Kehrwiederspitze hing einst jene Feuerglocke, die jetzt die HHLA-Zentrale als Museumsstück ziert.

Brannte es früher im Hafen, dann läuteten Glocken Alarm und riefen die Löschkräfte herbei. 1899 war Branddirektor Adolph Libert Westphalen mit dieser Lösung nicht mehr zufrieden. „Für die jetzigen Verhältnisse sind die beiden Feuerglocken nicht mehr starktönend genug“, berichtete er. Westphalen suchte nach stärkeren akustischen Signalen.

Er stellte allerdings bald fest, dass es zum Glockensignal keine Alternativen gäbe und forderte für die neuen Feuerglocken die Erfüllung von drei Bedingungen. Erstens solle ihr Klang bei mäßigem Wind rund 2.000 Meter weit zu hören sein. Zweitens wünsche er sich einen mechanischen Antrieb: Zwei Mal je zwei Minuten lang solle dieser die Glocke zum Klingen bringen, bevor das Glockenwerk wieder aufgezogen werden müsse. Drittens solle der Glockenhammer elektrisch ausgelöst werden.

 
Brände in der Speicherstadt wurden auch von der Wasserseite aus bekämpft – etwa von einem Spritzenfahrdampfer aus.

Die neuen Glocken wurden von der Glockengießerei M. & O. Ohlsson in Lübeck gegossen. Sie kosteten insgesamt 356 Mark. Ihre Aufhängung, die Glockenstühle, wurden im Oktober 1900 errichtet: im ehemaligen Flutmessergebäude St. Pauli an den heutigen Landungsbrücken und im Turm des Kaispeichers A. Dort hing sie wenige Meter unter dem berühmten Zeitball an der Kehrwiederspitze.

Schon bald stellte sich heraus, dass zwei Feuerglocken für den Hamburger Hafen nicht ausreichten. Die HADAG beklagte sich 1913 bei der Branddirektion: Unsere Schiffer haben die Glockensignale wiederholt überhört. An der heutigen Argentinienbrücke wurde deshalb eine dritte Feuerglocke installiert.

 
Unter dem Zeitball an der Kehrwieder spitze hing einst die Feuerglocke.

Fast alle HADAG-Dampfer hatten zu dieser Zeit Feuerlöscheinrichtungen an Bord. Die Spritzenfahrdampfer  mussten sich bei Ertönen der Feuerglocke umgehend zur Kehrwiederspitze begeben. Dort setzten sie ihre Fahrgäste ab und nahmen an ihrer Stelle Feuerwehrleute an Bord. Mit ihnen fuhren sie dann zum Brandherd, um das Feuer zu löschen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg hatten der durch Bomben schwer beschädigte Kaispeicher und der Zeitball-Turm keine Funktion mehr. Die Feuerglocke wurde mit Hilfe des Schwimmkrans HHLA III geborgen und anschließend im Steigeturm der Hauptfeuerwache am Berliner Tor aufgehängt. Der Kaispeicher A wurde abgerissen, um einem Neubau Platz zu machen. Auf seinen Grundmauern entsteht heute die Elbphilharmonie.

Im Jahre 1989, zur 800-Jahr-Feier des Hamburger Hafens, gab die Feuerwehr die alte Glocke im Rahmen einer Feier an den Hafen zurück. Der Berliner Künstler Roland Stegemann baute ihr einen provisorischen Glockenturm aus Schrott vom Blohm+Voss-Werftgelände. Später wurde sie von der HHLA denkmalgerecht aufgearbeitet und zunächst im Erdgeschoss von Block S aufgestellt. Im Rahmen der Neugestaltung der HHLA-Unternehmenszentrale 2002 fand sie schließlich ihren heutigen Platz im Atrium von Bei St. Annen 1. Dort allerdings bleibt sie stumm.

 

Autor: Harry Braun, 1931 geboren, fuhr auf Barkassen, Schleppern und 30 Jahre lang auf Feuerlöschbooten in Hamburg.