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Die Zeitballuhr am Kaiserspeicher

Pünktlich auf die Sekunde um zwölf Uhr fiel der Zeitball am Kaiserspeicher und zeigte so den Seeleuten die genaue Zeit an. Schließlich brauchten sie exakt gehende Uhren zum Navigieren auf See. Dort, wo das alte Wahrzeichen des Hamburger Hafens stand, entsteht heute eins für die Stadt.


An der westlichen Spitze des alten Dalmannkais, dort wo heute unter großen Mühen die Elbphilharmonie entsteht, stand vor dem Zweiten Weltkrieg schon einmal ein Wahrzeichen: der Kaiserspeicher. Wer eine historische Postkarte vom Hamburger Hafen in die Hand nimmt, sieht mit sehr großer Wahrscheinlichkeit ein Bild des Kaiserspeichers, wie das Haus umgangssprachlich genannt wurde. Die korrekte Bezeichnung des Hauses, das wie die Speicherstadt im historisierenden Neogotik-Stil der Hannoverschen Schule errichtet worden war, lautete Kaispeicher A. Er war der seinerzeit größte und modernste Speicher im Hafen und der einzige, der von Seeschiffen direkt angefahren werden konnte. Mit seinem Westturm, der das Haus überragte, erinnerte er an eine Kirche. Im Turm selbst war ein Hingucker untergebracht, der den Takt im Hafen bestimmte: die Zeitballuhr.

Etwa 125 Jahre bevor GPS seinen Siegeszug antrat, war das Navigieren auf See noch eine viel größere Herausforderung als heute. Die Seeleute brauchten exakt gehende Uhren. Nur so konnten sie auf hoher See anhand der Gestirne sicher und präzise navigieren. Der Zeitball am Kaiserspeicher war die Zeitansage des Hafens. Pünktlich jeden Mittag um zwölf Uhr fiel der Ball, und die Seeleute konnten ihre eigenen Uhren exakt einstellen. Es sagt viel über Hamburg, die angeblich britischste Stadt Deutschlands, dass sich der Ball nicht etwa um zwölf Uhr mitteleuropäischer Zeit, sondern Greenwich Mean Time bewegte. Die Betreiber hatten einen Sinn für Dramaturgie. Um zehn Minuten vor zwölf wurde der Zeitball zunächst halb und um drei Minuten vor zwölf schließlich ganz hochgezogen. Pünktlich um zwölf Uhr fiel der einen Meter große schwarze Ball dann drei Meter tief.

Gesteuert wurde die Anlage nicht etwa von Kaiserspeicher-Mitarbeitern. Schon seit 1876 führte ein unterirdisches Kabel von der Sternwarte, die damals noch am Millerntor stand und später nach Bergedorf zog, zur Spitze des Dalmannkais. Jeden Mittag löste ein Astronom in der Sternwarte durch Knopfdruck den Fall des Balls aus. Ab 1899 funktionierte der Mechanismus sogar automatisch. Die maximale Abweichung lag bei einer Zehntel Sekunde pro Tag!

1934 ging das Zeitalter der Zeitbälle zu Ende – mit der Stilllegung der Uhr am Kaiserspeicher. Die Deutsche Seewarte, die mittlerweile mit dem Betrieb betraut war, hatte die Anlagen in Cuxhaven, Wilhelmshaven, Bremerhaven und Kiel bereits 1928 geschlossen. Der Kaiserspeicher selbst wurde bis 1943 genutzt. In diesem Jahr erlitt er durch Bombentreffer schwere Schäden. Ein originalgetreuer Wiederaufbau erwies sich – anders als bei vielen Gebäuden in der Speicherstadt – als wirtschaftlich nicht sinnvoll. Zum Leidwesen vieler Hamburger wurde der Kaiserspeicher daher 1963 abgerissen und bis 1966 durch den Kaispeicher A von Werner Kallmorgen ersetzt, der wiederum seit 2007 als Sockel für die Elbphilharmonie dient. Der Kaiserkai, wie der Dalmannkai heute heißt, erhält mit dem Konzerthaus sein Wahrzeichen zurück. Und anders als der Kaiserspeicher wird die Elbphilharmonie sogar öffentlich zugänglich sein.

Die Erinnerung an die Zeitballuhr hat die Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs überlebt. Seit 2010 gibt es eine Nachbildung der Uhr. Der Förderverein Hamburger Sternwarte e.V. lockt damit Besucher an den Ort, von dem aus die Zeitballuhr zuletzt gesteuert wurde: nach Bergedorf. Es gibt also eine Verbindungslinie zwischen Kaiserspeicher und Hamburger Sternwarte, deren historische und kulturelle Bedeutung weit über Hamburg hinausgeht: Genauso wie die Speicherstadt, als deren Teil der Kaiserspeicher mit seiner Zeitballuhr gebaut wurde, bewirbt sich die Hamburger Sternwarte in Bergedorf um die Aufnahme in das UNESCOWeltkulturerbe.