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Kreativspeicher

Für viele Hamburger schlägt das Herz der Metropole genau hier: in der historischen Speicherstadt. Nirgendwo sonst ergänzen sich Tradition und zeitgemäßer Wandel zu einem so attraktiven Standort.

 

Hätte ein Begriff wie „innovatives Logistikzentrum“ Ende des 19. Jahrhunderts schon zum Sprachgebrauch gehört, auf den Neubau des Hamburger Backsteinquartiers hätte er exakt gepasst. Denn was die eigens zu diesem Zweck gegründete Vorgängerin der HHLA ab 1885 in kunstvoller Gestaltung errichtete, war nicht nur der weltweit größte Lagerhauskomplex seiner Zeit, sondern auch der modernste. Die bis dahin im gesamten Stadtgebiet verstreuten Warenlager wurden hier zentral zusammengefasst, waren – ganz „State of the Art“ – mit hydraulischen Winden sowie elektrischem Licht ausgestattet und per Schute, Pferdewagen und Eisenbahn gut erreichbar.

Auslöser für den Bau der Speicherstadt war eine politische Entscheidung: 1881 unterzeichnete der Senat des bis dahin souveränen Handelsplatzes Hamburg einen Zollanschlussvertrag an das Deutsche Reich. Allerdings nicht, ohne vorher hart zu verhandeln. Ergebnis: Hamburg durfte einen Freihafenbezirk einrichten, in dem Kaufleute weiterhin Importgüter wie Kaffee, Tee oder Gewürze zollfrei einführen, lagern und veredeln konnten. Die Speicherstadt wurde Teil dieser zollrechtlichen Enklave – inklusive hohem Zaun und Kontrollposten. Soweit die Geschichte.

Hafenwirtschaft, Zollregelungen und Stadtentwicklung sind im 21. Jahrhundert angekommen. Neben der ursprünglichen Lagernutzung, meist für Orientteppiche, vollzieht sich zwischen Fleeten und Brücken ein stetiger Wandel: Hinter den neogotischen Fassaden residieren heute neben Werbeagenturen, Architekturbüros und Modelabels auch Museen, Ausstellungen und Restaurants.

 

Künstler & Konsorten

Gezielt hat HHLA Immobilien als Vermieter und Projektentwickler diesen Wandel gefördert. Ein kommender Meilenstein auf diesem Weg ist die umfangreiche Sanierung des Speichers M28 Am Sandtorkai. Von Ende 2017 an bieten die acht Böden der Kreativszene Hamburgs eine neue Heimat. Dafür wird das Gebäude energetisch gedämmt. Das Mansardendach wird in Kupfer eingedeckt, Fenster und charakteristische Lukentüren werden denkmalgerecht saniert oder bei Bedarf erneuert. Es entstehen moderne Sanitärräume und Pantrys; die gesamte Gebäudetechnik wird auf den aktuellen Stand gebracht. Ein neues Treppenhaus mit Aufzügen gewährleistet einen barrierefreien Zugang. „Viele Details wie die historischen Beschilderungen, alte Fenstergitter oder Handläufe werden wir im Original erhalten“, erklärt HHLA-Architektin Rabea Abayan. „Vorhandene Oberflächen werden so aufgearbeitet, dass der Loftcharakter der Speicherböden gewahrt bleibt. Nachträgliche Einbauten sind deutlich zu identifizieren und schaffen so den gestalterisch erwünschten, reizvollen Kontrast zwischen Alt und Neu.“

In den sieben Obergeschossen stehen künftig rund 5.000 m² Fläche für Ateliers, kreative Werkstätten und Arbeitsräume zur Verfügung. Künstler und andere Akteure aus Kultur und Kreativwirtschaft können sich über die Kulturbehörde zu günstigen Konditionen hier einmieten. „Jeder Boden bietet Platz für bis zu zwölf separate Räume, die sich um eine auch für Ausstellungen geeignete Gemeinschaftsfläche anordnen“, so Projektleiterin Abayan. „Das Erdgeschoss übernimmt eine besondere Funktion: Es soll das Schaufenster des Kreativ-Speichers bilden“ – mit einer Nutzung, die das kulturell-kreative Angebot publikumswirksam ergänzt.

 

Respekt gezollt

HHLA Immobilien ist Eigentümerin sämtlicher historischer Speicherblöcke und hat die meisten bereits umgebaut. Ein weiteres Beispiel ist kaum zu übersehen: Wer aus dem ebenfalls zum UNESCO-Welterbe gehörenden Kontorhausviertel kommt und auf den Zollkanal trifft, sieht gegenüber ein architektonisch besonders reizvolles Ensemble: Die vier nebeneinanderliegenden, 1899 für die Zollbehörde gebauten Gebäude glänzten mit üppigen Fassadendetails und einer reich gegliederten Dachlandschaft. Leider überstanden sie den Krieg nicht unbeschadet; auch Wiederaufbau und Umbauten der Nachkriegszeit hinterließen Spuren: „Großzügige Flächen wurden in Kleinstbüros unterteilt, und manch hervorragendes Detail verschwand hinter Wänden oder wurde einfach übermalt. Manche Strukturen waren gar nicht mehr zu erkennen“, erklärt Peter Modlich vom Baumanagement der HHLA. Seit 2008 arbeiten er und sein Team daran, das Gesamtensemble zu revitalisieren. Die Häuser Zoll 3 und 4 sind fertiggestellt: Wo einst Frachtpapiere abgestempelt wurden, entsteht heute Werbung, und das ehemalige Hauptzollamt dient als Event-Location.

Für den Architekten Modlich besteht die Herausforderung bei solchen Projekten darin, zeitgemäß zu modernisieren und gleichzeitig unter den Gesichtspunkten des Denkmalschutzes möglichst viel Ursprüngliches zu erhalten.

Das geht nicht ohne Kompromisse. Modlich: „Das ist nur möglich dank intensiver Abstimmungen zwischen allen Beteiligten – erst recht, wenn es sich um ein Welt­erbe handelt.“ Das Ergebnis rechtfertigt die Mühen: Die Bauarbeiten am Zollensemble brachten originale Details wie filigrane Gusseisenstützen, bauzeitliche Wandbordüren und handwerklich hervorragend gearbeitete Granittreppen wieder zum Vorschein.