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/ 13.04.2018

Tradition und Moderne schließen sich nicht aus

Gerald Hirt, Geschäftsführer des Hamburg Vessel Coordination Center (HVCC), konnte kein Kapitän werden. Schiffe dirigert er jetzt trotzdem.

 

Sie hätten natürlich den großen Saal für ein Foto auswählen können. Schwere Balken, ein Sitzungstisch von einschüchternder Länge und an der Wand ein gewaltiges Historiengemälde der umliegenden Speicherstadt. Seht her, hätte das Foto dem Betrachter zugerufen, hier residiert ein altehrwürdiges Unternehmen, eine Institution der Hamburger Wirtschaftswelt.

Nur leider hätte diese Inszenierung überhaupt nicht dazu gepasst, wie sich die HHLA – die Hamburger Hafen und Logistik AG – selbst wahrnimmt. Und auch nicht zu Hirt, dem smarten Geschäftsführer ihrer Tochtergesellschaft HVCC, der fotografiert werden soll. Er steht mit seiner Laufbahn stellvertretend für die Personalphilosophie des Unternehmens.

Deshalb posiert der 43-Jährige nicht im gediegenen Sitzungssaal. „Natürlich ist die HHLA ein Konzern mit einer langen Geschichte, auf die wir stolz sind“, sagt Hirt. „Aber Tradition und Moderne müssen sich ja nicht ausschließen.“

Die HHLA hat sich enorm gewandelt

Tatsächlich hat sich die HHLA enorm gewandelt – so wie die globale Hafenwirtschaft. Drei Faktoren sind die Treiber: die Globalisierung, mit der das Frachtaufkommen exponentiell gestiegen ist, die Automatisierung, die die Abläufe in den Häfen revolutioniert, und nicht zuletzt so tief greifende Einschnitte wie die Finanzkrise 2009, die die Weltwirtschaft einige Zeit nahezu lähmte. Die Frachtraten kollabierten, viele Reeder legten ihre Containerriesen zeitweise still. Die Krise verschärfte den ohnehin harten Wettbewerb.

Alle diese Faktoren zwingen die Hafenbetreiber, sich laufend zu modernisieren. Das trifft auch auf die HHLA zu, die sich gegen die Häfen Rotterdam und Antwerpen behaupten muss. Kürzere Liegezeiten durch eine effizientere Be- und Entladung sowie eine verbesserte Anbindung an das Hinterland sind die Folgen dieses Modernisierungsdrucks.

Wettbewerb um junge Talente, Experten und Manager

Der Wettbewerb zeigt sich auch auf anderer Ebene: bei der Suche nach Mitarbeitern. Schließlich sind sie es, die den Erfolg eines Unternehmens ausmachen. „Der Wettbewerb um junge Talente, Experten und Manager ist heute eine unserer schönsten Herausforderungen“, erklärt Arno Schirmacher, Direktor des Personalmanagements der HHLA, die in Hamburg gut 3500, weltweit etwa 5500 Menschen beschäftigt. „Neben attraktiven Arbeitsplätzen haben wir dabei einen gewissen Startvorteil: Mit Schiffen verbinden eigentlich alle etwas Positives.“

Denn so wie der Besuch der imposanten Containerterminals der Höhepunkt jeder Hafenrundfahrt sei, übten sie auch auf Bewerber enorme Anziehungskraft aus. Der Hamburger Hafen, Deutschlands „Tor zu Welt“, löst fast automatisch Fernweh und Abenteuergeist aus.

Auch HVCC-Geschäftsführer Hirt ist dieser Magie erlegen. Es waren Fährfahrten nach Skandinavien in der Kindheit, die seine maritime Begeisterung weckten. Und wären seine Augen nur 0,2 Dioptrien schärfer gewesen, hätte er nach dem Abitur und zwei Jahren bei der Marine vermutlich ein Kapitänspatent erworben. Einen Weg in die Welt der Schifffahrt fand der Göttinger dennoch: Er schrieb sich an der Fachhochschule Oldenburg für ein Studium der Seeverkehrs- und Hafenwirtschaft ein.

Nach einem Traineeprogramm bei der Reederei P&O Nedloyd kam er 2003 zur HHLA-Tochter HPC Hamburg Port Consulting. Das Unternehmen berät Kunden weltweit beim Hafenmanagement. Hirt war hier vor allem mit Marktanalysen beschäftigt. Nur gut zwei Jahre später trat er bereits seine nächste Stelle im Konzern an, als Vertriebsmanager der HHLA Containerterminals.

Wer Initiative zeigt, stößt auf offene Ohren

Dieser schnelle Wechsel in unterschiedliche Unternehmensbereiche demonstriert für Personalleiter Schirmacher die Durchlässigkeit der HHLA. „Wir bieten unseren Beschäftigten tolle Chancen“, sagt er. Wenn sie sich weiterentwickelten, entwickle sich auch das Unternehmen. Die Chance, sich bei der HHLA zu entfalten, hält auch Hirt für einen der Pluspunkte des Konzerns. Wobei der erste Anstoß vom Mitarbeiter kommen müsse: „Letztlich ist ja jeder selbst für seine Biografie verantwortlich. Wenn man Initiative zeigt, stößt man hier bei seinen Vorgesetzten auf offene Ohren.“

So war es auch bei ihm, als er 2007 mit der Idee zu seinen Chefs kam, einen berufsbegleitenden MBA in Shipping & Logistics an der Copenhagen Business School zu beginnen. Der Studiengang erstreckt sich über zwei Jahre, alle zwei Monate gibt es einwöchige Präsenzzeiten. Dass dem Arbeitgeber in dieser Phase nicht die volle Aufmerksamkeit des Mitarbeiters gehört, ist klar. Dennoch habe die HHLA positiv auf sein Ansinnen reagiert und sogar einen Großteil der im fünfstelligen Bereich liegenden Studienkosten übernommen.

Was seine Vorgesetzten damals überzeugte, war zum einen der Mehrwert, den Unternehmen aus besser qualifizierten Mitarbeitern ziehen. Zum anderen zahlte sich Hirts MBA konkret aus: In seiner Masterarbeit beschäftigte er sich mit Fragen, die im Zuge des Börsengangs für die HHLA akut waren. 2007 brachte die Hansestadt gut 30 Prozent des Unternehmens an den Aktienmarkt.

Nach dem Abschluss seines Studiums rückte Hirt bald in Positionen vor, in denen er Personalverantwortung übernahm. Darauf bereitete ihn die HHLA gezielt vor – durch Schulungen mit externen Coaches. „Ich halte es für wichtig, dass solche Trainings nicht inhouse stattfinden“, sagt Hirt. Schließlich bespreche man dabei persönliche Dinge und agiere freier, wenn nicht jedes Wort in die Personalakte gelangen könne.

Inzwischen leitet er ein Team mit 17 Mitarbeitern. Seit Juli 2017 ist Hirt Geschäftsführer des Hamburg Vessel Coordination Center (HVCC), eines Joint Ventures, das die HHLA gemeinsam mit Eurogate, dem zweiten großen Terminalbetreiber der Stadt, initiiert hat. Das HVCC koordiniert den Verkehr der Containerschiffe und sorgt dafür, dass die Schiffe bei ihren Anlaufstellen im Hafen effizient abgefertigt werden. Schließlich legen sie oft an mehreren Kais zum Be- und Entladen an.

Fragt man Hirt nach seiner Personalphilosophie, antwortet er: „Ich versuche, den Mitarbeitern dieselben Entwicklungschancen zu geben, die ich hier erfahren habe.“


Erschienen in „Beste Arbeitgeber“ von FOCUS Business, Autor: Volker Kühn