Neue Seidengleise zwischen China und Europa – Drehscheibe Hamburg

Unterwegs vom Gelben Fluss an die Elbe: Zhengzhou – Hamburg.
10.214 Kilometer. 15 Tage. 44 Container für Europa.

Foto: Port of Hamburg Magazine

Bewegung auf der Straße

Die Seidenstraße bahnt sich neue Wege. Die chinesische Formel „yi dai, yi lu“ illustriert den globalen Anspruch des Projekts „One Belt, One Road.“ 65 Nationen, 65% der Weltgesellschaft, 30% des Weltbruttosozialprodukts sind auf ihr unterwegs. Mit Schiffen, Flugzeugen und Zügen. Die Seidenstraße ist Handelsroute und Entwicklungsraum, Masterplan und Generationenprojekt, Mythos und Vision. Von Java bis Usbekistan, von Dschibuti bis Hamburg.

China verwandelt die alte Seidenstraße mit Milliardeninvestitionen in ein globales Infrastruktur- und Verkehrsprojekt aus Pipelines, Straßen, Fabriken und digitalen Logistikknoten. Die Schiene als Verkehrsträger erlebt inmitten dieser Entwicklung eine Renaissance: Die Seidengleise, als intelligente Alternative zu Luftweg und Seefracht, erzählen eine ganz eigene Geschichte der ältesten Handelsroute der Welt.

Quer durch sieben Zeitzonen und über drei Spurbreiten hinweg schaffen sie nachhaltige Wege für den Welthandel. Umweltfreundlich, kostengünstig und schnell. 204 wöchentliche Containerzugverbindungen existieren heute zwischen dem führenden Bahnhafen Europas Hamburg und 20 chinesischen Industriezentren. Unter ihnen: Zhengzhou am Gelben Fluss.

Zhengzhou
Innerchinesisches Drehkreuz: Zhengzhou – die Hauptstadt der Provinz Henan. Foto: Picture Alliance / dpa

Das Tor nach China

Der neue Bahnhof von Zhengzhou zählt 32 Gleise. Die Dimensionen zeugen vom rasanten Wandel den das chinesische Hinterland längst erfasst hat. Für 2020 rechnet man in Zhengzhou, mit 11 Millionen Einwohnern. Die Bezirkshauptstadt der Provinz Henan ist im Aufbruch. Vier Welterfindungen kommen von hier: Papier, Schwarzpulver, Buchdruck und der Kompass. Heute sind es unter anderem: Elektromotoren, High-Tech-Roboter, Umwelttechnik und Biotechnologie.

Die Skyline der Stadt am Gelben Fluss erzählt viel von der Zukunft, die überall in der chinesischen Provinz Gestalt annimmt. Die imposanten Zwillingstürme, entworfen von Hamburger Architekten, markieren das Tor zum Stadtzentrum. Hinter den grau schimmernden Turm-Fassaden erwarten die Besucher hochwertige Büro- und Shoppingflächen, Eventräume für Kunstausstellungen und Konzerte – und ein Spa. Willkommen im Hinterland! Neben der traditionellen Textil- und Automobilindustrie, setzt Zhengzhou auf den Ausbau von Zukunftstechnologien – ganz im Einklang mit der Innovationsstrategie aus Peking „Made in China“. Weniger Imitation, mehr Innovation.

Datenverarbeitungsgeräte, elektrische und optische Erzeugnisse wie Computer und Unterhaltungselektronik zählten 2018 zu den wichtigsten deutschen Importgütern aus China, die auch im größten Güter- und Rangierbahnhof Asiens, dem Nordbahnhof von Zhengzhou, verfrachtet werden. Von hier rollen die Waren Richtung Hamburg, enden diverse Containerzugverbindungen aus Europa.

Der Drehscheibe Henan verbindet mehr als 130 Städte in 30 Regionen und Ländern. Die Waren werden bis nach Korea und Japan umgeschlagen. Zhengzhou ist jedoch vor allem das zentralchinesische Tor zum gewaltigen Verbrauchermarkt von 1.4 Milliarden Menschen. Die Blockfracht-Züge nach Hamburg bewältigen die 10. 214 km lange Strecke durch China, Kasachstan, Russland, Weißrussland und Polen nach Hamburg in nur 15 Tagen. Die Züge sind circa 800 Meter lang, wenn sich 44 Container auf die lange Reise machen vom Gelben Fluss bis an die Elbe.

Blockzug nach Hamburg
Foto: Shutterstock

Cargo Karawanen

Blockzüge heißen die Karawanen der Gegenwart. Entlang dreier Korridore rollen sie von Asien nach Europa. Das transkontinentale Gleisnetz spannt 10.000 bis 13.000 Kilometer lange Streckenverbindungen. Im Norden führen sie nördlich der Mongolei über Sibirien nach Europa. Auf der Zentralroute passieren sie Kasachstan, Russland, Weißrussland und Polen. Auf der Süd-Route werden die Waggons in Kasachstan über das kaspische Meer nach Aserbaidschan verschifft bevor es über Rumänien, die Ukraine und Polen weiter in Richtung Elbe geht.

Informations-Chart

Der dritte Weg

Als dritter Weg zwischen Luft- und Seefracht sind Züge doppelt so schnell wie Containerschiffe und verursachen nur 20 Prozent der Kosten eines Frachtflugzeugs. Die CO2 Bilanz fällt deutlich positiver aus. Je nach Start- und Zielbahnhof variieren die Distanzen zwischen 9.000 - 13.000 Kilometer. Die chinesischen Hinterlandmetropolen sind über die Schiene für deutsche Unternehmen besser angebunden als über die Seehäfen.

Die Seidengleise transportieren Autos, Ersatzteile und Maschinenanlagen, Konsumgüter wie Rotwein, Marmelade und Luxushemden. Mit der Bahn wurden 2018 bereits 120.000 Standardcontainer transportiert. 2027 sollen jedes Jahr 670.000 TEU Container auf die Schiene gehen.

Informations-Chart
Foto: zhaoliang70 / Shutterstock

Die Wahl der Mittel

Die Schiene ergänzt den Seeweg – und verändert den Modal Split: Die Nutzung der Verkehrsträger Schiff, Flugzeug und Schiene. Der Seeweg bleibt das dominierende Transportmittel. Gemessen in Tonnen werden rund 74% der von der EU aus Nicht-EU-Ländern importierten Waren und sogar rund 80% der in Nicht-EU-Länder exportierten Waren über den Seeweg transportiert. Im Außenhandel der EU mit China sind es aktuell sogar 90%. 2,4% der Importe reisen über die Schiene – das Transportvolumen auf den Seidengleisen steigt allerdings Jahr für Jahr in rasanten Schritten.

*Quelle: Eurostat (Datenreihe DS-022469)

Aufstrebende Städte im Hinterland
Foto: 再⼀ 王 / Unsplash

Made in China

Xi'an | Kilometer 505

Die Stadt der Terrakottakrieger liegt heute mitten im Silicon Valley Chinas. Die alte Kaiserstadt Xi’an markiert das Tor zur alten Seidenstraße und ist heute Zentrum einer boomenden Software-und Hightech Industrie. Silicon statt Seide. Die Metropolregion Xi’an ist offizieller Impulsgeber, um die wirtschaftliche Entwicklung im Westen der Volksrepublik anzukurbeln – Ziel: Innovation Made in China. Die Acht- Millionen-Metropole liefert dafür alle Vorrausetzungen: In Xi’an bilden 63 Hochschulen und Universitäten jedes Jahr mehr als 300.000 Absolventen aus – viele von ihnen Programmierer und Ingenieure. Für Peking sind es die Botschafter einer neuen Seidenstraße. Während der Verlauf der alten Seidenstraße die Verkehrsplaner von heute immer noch als Vorbild dient, inspiriert sie eine neue Generation neue Wege einzuschlagen. Niemand weiß, wo eine digitale Seidenstraße anfängt oder endet. Derweil rollen die 44 Container weiter Richtung Hamburg.

Portalkran an der chinesischen Grenze
Foto: MSC

Auf die richtige Spur

Dostyk | Kilometer 2.194

Zwischen China und Kasachstan kommen die Schienen an ihre Grenzen. Die Staatsgrenze nahe der kasachischen Steppenstadt Dostyk markiert den Anfang der russischen Spurbreite – und den ersten Zwischenstopp der 44 Container auf ihrem Weg nach Westen. 71 Millimeter Differenz liegen zwischen Normalspur (1453 Millimeter) und Breitspur (1524 Millimeter). Die Entscheidung für die Breitspur sollte einst Invasionen vom russischen Reich abwehren. Heute ist sie nur noch ein Hindernis für den Welthandel. Die Globalisierung stockt für 15 Stunden – so lange dauert die Operation Umspurung. Die Container werden mit einem Portalkran von einem Tragwagen auf den Wagen mit russischer Spurweite gehoben. In einem anderen Verfahren werden die Achsen ausgetauscht. Jeder einzelne Waggon verfügt über eigene Wechselachsen, die separat gelagert werden. Bis zu neun Züge werden täglich abgefertigt. Mit neuer Lokomotive geht die Fahrt weiter über die staubige Steppe.

Oktyabrsk
Foto: Shutterstock

Auf halber Strecke

Oktjabrsk | Kilometer 5.377

Die Kornkammer Russlands liegt querab. Mit circa 35 km/h bewegen sich die 44 Container durch eine der fruchtbarsten Gegenden Russlands. Oktjabrsk heißt das 28.000 Einwohner Städtchen auf dem nördlichen Wolga Ufer. Von Mai bis Ende Oktober sind die Gewässer und umliegenden Flüsse leicht schiffbar für russische Zu- und Umladungen. Ein elektronischer Frachtbrief schafft international die Vorrausetzungen für einen unkomplizierten Handelsweg quer durch Eurasien.

Malaszewicze
Foto: Shutterstock

Weiter nach Westen

Brest - Malaszewicze | Kilometer 7.378

Der Schienenverkehr zwischen Polen und Weißrussland ist eine technische Herausforderung. Die Grenze trennt nicht nur zwei Länder, sondern auch zwei Schienen-Standards: Europäische Normalspur (1453 Millimeter) trifft auf russische Breitspur (1524 Millimeter). Für die 44 Container bedeutet dies 6 bis 24 Stunden Wartezeit bis alle Container umgespurt sind – je nach Verkehrsaufkommen an den Terminals der METRANS.

Die HHLA-Tochter METRANS betreibt mit 15 Terminals das größte intermodale Netzwerk Ost- und Mitteleuropas. 550 Züge verkehren jede Woche kreuz und quer Europa, mehr als eine Million TEU Leercontainer werden an den Depots umgeschlagen. Es gibt keinen Ort, der von hier nicht erreicht werden kann. Für die sprichwörtliche „letzte Meile“ setzt die METRANS dann Lkw ein.

Informations-Chart

Im Hinterland zu Hause

Seit ihrer Gründung 1990 hat sich die METRANS permanent weiterentwickelt: Intermodale Logistik-Lösungen gehören seit 1992, als der erste Zug von Hamburg nach Prag fuhr, zum Standard-Repertoire der HHLA Tochter. 30 Jahre Logistikarbeit haben ein dichtes Netzwerk von Verbindungen in Mittel-, Süd- und Osteuropa hervorgebracht. Was die HHLA für die maritimen Container geschafft hat, eröffnet die METRANS für alle kontinentalen Transporte: Ein Tor nach Europa. Alle 48 Stunden gelangt ein Zug aus China heute über das METRANS-Netzwerk auf das europäische Schienennetz.

Oktyabrsk
Foto: Patryk Kosmider / Shutterstock

Europa 360°

Posen | Kilometer 7.821

In Posen gabeln sich die Wege – in alle Richtungen. Die westpolnische Stadt ist ein intermodaler Hub im Netzwerk der METRANS. Posen zählt zu den hochmodernen METRANS Logistikknoten, die Schienen, Straßen und Schifffahrtstraßen in ganz Mittel-, Ost- und Südeuropa intelligent verzahnen. Von der Zentrale in Prag orchestriert die METRANS mehr als 500 wöchentliche Zugverbindungen von Budapest bis Salzburg, von Posen bis Hamburg – von der europäischen Metropole ins europäische Hinterland. In Rekordzeit. Zollabwicklung, Bahntransport, Anschluss per Lkw oder Schiff inklusive.

Als Markführer für den europäischen Hafenhinterland-Verkehr verbindet die METRANS das Beste zweier Welten: individuelle eurasische Streckenangebote mit jahrzehntelanger europäischer Logistik-Expertise. Neue Verbindungen reagieren auf die steigende internationale Nachfrage. 20.000 TEU Standardcontainer mit Waren wurden 2018 auf der Route nach China transportiert. Tendenz steigend. Die METRANS hat nun ein neues Hinterland erschlossen: China. Noch 518 Kilometer bis zum Tor zur Welt.

Hamburg
Foto: HHLA / Thies Rätzke

Das Tor zur Welt

Hamburg | Kilometer 10.214

Die Stadt an der Elbe ist nicht erst seit gestern Chinas Tor nach Europa. 1731 war Hamburgs erste Tageszeitung noch nicht im Druck als das erste chinesische Schiff aus Kanton bereits im Hamburger Hafen festmachte. 1982 dockte der erste Containerfrachter aus der Volksrepublik am HHLA Terminal Tollerort an. Seitdem entwickelte sich der Handel mit Ostasien permanent weiter – bis 2008 der erste Zug aus Peking eintraf. Auf Andocken folgte Ankuppeln.

Der Hamburger Hafen hat sich binnen der letzten Jahrzehnte zur zentralen Drehscheibe im deutschen China-Handel entwickelt. Mehr als die Hälfte des deutsch-chinesischen Außenhandels wird heute über die Hansestadt abgewickelt. Allein 2018 wurden mehr als 2,6 Millionen Standardcontainer (TEU) in Deutschlands größtem Seehafen umgeschlagen, d.h. jeder dritte Container kommt aus China. 15 Liniendienste operieren zwischen Nordsee und chinesischem Meer.

Kai- und Gleiskante liegen in Hamburg nahe beieinander. Auf den Schienen der Hamburger Hafenbahn werden täglich rund 200 Güterzüge mit über 5.000 Waggons schnell und effizient abgefertigt. Mehr als 130 Eisenbahnverbindungen sind mittlerweile auf den Gleisen unterwegs. Sie schaffen ein dichtes Netz an Wagenladungsverkehren, Shuttle- und Ganzzugverbindungen nach ganz Europa: Jede Woche gibt es 2081 Verbindungen von und nach Hamburg – alleine 204 Verbindungen davon jede Woche nach China.

Der Austausch überschreitet längst das Hafenbecken und Hamburg ist viel mehr als nur ein Anlaufpunkt auf der chinesischen Weltkarte. Der Begriff für die Hansestadt, „Han Bao“, bringt den Stellenwert des Standorts am besten zum Ausdruck: „Burg der Chinesen.“ 500 chinesische Firmen haben an der Elbe ihre Deutschland- oder Europazentralen. Mehr als 800 Hamburger Unternehmen operieren heute in China. Hamburg ist der China Hub in Deutschland – und damit ein natürlicher Knotenpunkt der kontinentalen Seidenstraße – und die Zieldestination für 44 Container aus dem Reich der Mitte.

Marmelade im Glas
Foto: pcruciatti / Shutterstock

Die süße Nachfrage

Die Lust der Chinesen auf Marmelade ist ungebremst. Das Reich der Mitte liebt Erdbeermarmelade – und das österreichische Unternehmen DARBO zählt zu den europäischen Unternehmen, die von dieser Geschmacksentwicklung profitieren.

Jenseits von Premium-Autos und Luxus-Handtaschen sind Produkte wie Wein, Pasta und Gewürzmischungen die Status-Symbole einer gewachsenen chinesischen Mittelschicht. Ihre Kaufkraft ist rasant angestiegen, europäische Konsumprodukte sind hoch im Kurs. Mehr als 800 Tonnen Marmelade transportierte das Unternehmen DARBO aus Tirol über Hamburg nach China. Bahnanbindung, Handling-Dauer und das umfassende Angebot von Streckenverbindungen machen Hamburg zu einem Export-Knotenpunkt für effiziente Lieferketten nach Fernost – sogar für Unternehmen jenseits der Alpen.

Seidenstraße 4.0 Digital Silk Road

Das Projekt der Seidenstraße lebt seit jeher vom Austausch – abseits des Weges. In Handel und in der Forschung, in Finanzen und der Politik. Das treibende chinesische Motiv der Konnektivität erschließt dabei permanent neue Wege – zu Lande, zu Wasser und neuerdings auch im Netz. Chinesische Glasfaserkabel rund um den Globus erschließen neue Räume: Von Pakistan bis Frankreich, von Guinea bis Brasilien –Digitale Seidenstraßen. China folgt unbeirrt einer alten Weisheit: Mit tastenden Schritten den Fluss überqueren. Die Reise geht weiter.

Ferdinand Freiherr von Richthofen
Foto: Commons Wikimedia

Der Namensgeber

Der Geologe und Geograph Ferdinand Freiherr von Richthofen (1833-1905) identifizierte ein ganzes Netz von Routen und Wegen, die die Seide nach Europa transportierten: „Die centralasiatischen Seidenstraßen."

Mehr erfahren

Letztes Update: 15.01.2020