Mythos und Erbe: Wie ein Baron der Seidenstraße ihren Namen gab

Es war nicht nur eine Straße, die China und Europa verband. Der Geologe und Geograph Ferdinand Freiherr von Richthofen (1833-1905) identifizierte ein ganzes Netz von Routen und Wegen, die wertvolle Seidenstoffe über Jahrhunderte nach Europa transportierten. „Die centralasiatischen Seidenstrassen" titelte der frisch berufene Professor 1877 seine Bonner Antrittsvorlesung.

Seit der Antike waren diesen Straßen für Kaufleute, Gelehrte und Feldherren die wichtigsten Verbindungen zwischen Ostasien, verschiedensten arabischen Reichen und Europa. Während aus China vor allem die begehrte Seide ins römische Reich geliefert brachten die Europäer Edelsteine und Silber. Vom Mittelmeer reisten die Händler durch das iranische Hochland, vorbei an der Tamaklan Wüste durch den Gansu Korridor nach China.

Bevor sich Richthofen der Erforschung der antiken Handelsroute widmen sollte, musste er diverse Umwege meistern. Die wissenschaftliche Entschleierung der Erde war ein Herzensanliegen für den jungen Forscher, der sich 1860 gerade 28-jährig zur legendären Ostasienexpedition einschiffte.

Das Reich der Mitte war eine klar umrissene Terra Incognita. Was hinter dem Saum der Küstenstädte lag, blieb der Gegenstand für Spekulation. Reisen ins Landesinnere waren für Ausländer verboten. Die Journale von Missionaren und diplomatischen Gesandten lieferten bruchstückhaft Ideen vom chinesischen Leben. Richthofen startete seine China-Expeditionen mit Hilfe der Landkarten von Jesuiten aus dem 17. Jahrhundert. Erst Mitte des 19. Jahrhundert öffnete sich China in der Folge der Opiumkriege (1839-1842). Der preußische Baron zählte zu den ersten Europäern, die von dieser Öffnung profitieren.

Zwischen 1868 und 1872 unternahm Richthofen sieben Reisen, die ihn durch fünfzehn der achtzehn Provinzen des Reiches der Mitte führten. Als er nach Deutschland zurückkehrte, war der Baron seit Marco Polo, der am weitesten gereiste Europäer. An seinem Hals „stets einen guten langen Bleistift, an einer Schnur befestigt", um Land und Leute zu dokumentieren.

„Unter allen großen Strömen der Welt hat der Gelbe Fluß trotz seiner günstigen klimatischen Lage die Prärogative, als Schifffahrtskanal fast unbrauchbar zu sein. Wenn ein bedeutendes Steigen des Wassers stattfände, so würde wenigstens in der betreffenden Jahreszeit eine Dampfschifffahrt vielleicht möglich sein, da sie die Schwierigkeiten starker Strömung überwindet, welche die Fahrten mit gewöhnlichen Booten fast unmöglich machen; alleine es scheint, daß das Wasser nur wenig steigt, wenigstens an der Stelle, wo ich über den Fluß fuhr [...] ein Ansteigen um 1,5 m wurde vielleicht das 10-15 fache Volumen an Wasser bedeuten.“*

„Mit oder noch vor Sonnenaufgang wurde Tag für Tag aufgebrochen, um Mittag gerastet und bis zum Sonnenaufgang marschiert – und so ging es durch Monate fort. Dabei begann die Hauptarbeit des Forschers, die Niederschrift des Tagesbuchs [..], erst im Quartier und währte oft bis Mitternacht. Denn nach Richthofens Meinung war alles, was nicht am selben Tage aufgezeichnet wurde verloren," berichtete sein ebenfalls berühmter schwedischer Schüler Sven Hedin. Seine Notizbücher beschrieben die chinesischen Landschaften im Detail und nahmen selbst reisetechnische Anmerkungen wie Küchenrezepte auf – mit der Folge, dass Richthofen bei seiner Hochzeit 1879 mehr vom Kochen verstand als seine Frau, wie Zeitzeugen berichteten.

*Quelle: Ferdinand von Richthofen. Entdeckungsreisen in China. 1868-1872. Die Erforschung des Reiches der Mitte. Stuttgart, Edition Erdmann, 1984, S. 56 ff.

Veröffentlicht: 28.11.2019