Sieben Etagen Zukunft

Seit zehn Jahren entwickelt das Fraunhofer Center für Maritime Logistik in Hamburg Lösungen für Schifffahrt und Hafen. Künstliche Intelligenz spielt dabei eine schnell wachsende Rolle – auch für die HHLA.

Vor seinem geistigen Auge ist alles schon fertig. „Dort draußen“, sagt Professor Carlos Jahn und zeigt auf die große Fensterfront, „wird es einen Ponton mit einem Kran geben, der unsere Versuchsfahrzeuge zu Wasser lassen kann.“ Vorläufig sieht man ringsum nur rohe Betonwände und Baugerüste. Gleichwohl merkt man dem Chef des Fraunhofer Centers für Maritime Logistik (CML) während der Baustellenbegehung die Vorfreude an.

Jahn steht im Erdgeschoss-Saal eines siebengeschossigen Rohbaus am Ufer des Lotsekanals in Hamburg-Harburg. „Hier wird unser Labor für Hafentechnik seinen Platz finden“, sagt der Professor. Labore für weitere maritime Forschungsbereiche werden in den oberen Etagen einziehen. Im Herbst 2021 soll das komplette CML an die Harburger Hafenfront umziehen, von wo ein kurzer Wasserweg direkt zur offenen Süderelbe führt.

„KI wird die Menschen von einfachen Arbeiten oder monoton sich wiederholenden Entscheidungen befreien, damit sie sich anderen  Aufgaben widmen können.“

Professor Carlos Jahn, Chef des Fraunhofer Centers für Maritime Logistik (CML)

Im zehnten Jahr seines Bestehens hat sich das Fraunhofer CML in Hamburg fest etabliert. Die EU, der Bund und das Bundesland Hamburg haben sich deshalb bereit erklärt, einen Neubau zu finanzieren. Allein für den Gebäudeneubau erhält das CML als Teil von Deutschlands größtem Forschungsverbund Fördermittel in Höhe von 20 Millionen Euro. Bis zu 90 Mitarbeiter können dann auf sieben Etagen unter besten Bedingungen für die Zukunft forschen.

Gelungene Vernetzung von Wissenschaft, Hafenwirtschaft und Seeschifffahrt

Bereits in seiner ersten Dekade hat sich das CML einen Namen in der Anwendungsforschung, bei Projektpartnerschaften und Technologietransfers gemacht. Die Einrichtung ist zudem Teil des fruchtbaren Diskurses, das durch die Vernetzung mit der TU Harburg, der Hafenwirtschaft und Unternehmen aus der Seeschifffahrt entsteht. 

Zu den erfolgreichen Partnerschaften mit der maritimen Wirtschaft zählt das Projekt COOKIE, eine Forschungskooperation des CML mit der HHLA-Tochter HCCR. Der Projektname COOKIE steht für „Containerdienstleistungen, Optimiert durch Künstliche IntelligEnz“. Im Kern geht es um Bilderkennung. Die weltweit stark nachgefragten Leercontainer sollen mit Hilfe eines vom CML entwickelten Algorithmus auf Schäden überprüft werden, damit ihnen schneller die jeweils notwendigen Reparaturen zugeordnet werden können.

Professor Jahn hat als Gründungsdirektor die erfolgreiche Arbeit des CML mitgeprägt. Er kennt auch COOKIE genau: „KI unterstützt die menschlichen Prüfer bei der optischen Analyse und Klassifizierung von Beschädigungen an den Boxen.“ Auch zur Optimierung von Container-Reinigungsprogrammen könnte der Algorithmus einmal dienen. „COOKIE zeigt sehr gut“, sagt Jahn, „dass KI auch bei ganz konkreten Aufgaben im Hafen Sinn macht und nicht nur zu irgendwelchen hochgeheimen Plänen von Google oder Amazon passt.“

Das CML und die HHLA sind nicht nur bei diesem Projekt gut eingespielte Innovationspartner. So hat die Wissenschaftseinrichtung für den Logistikkonzern und seinen Wettbewerber Eurogate gemeinsam simuliert, wie sich Lkw-Verkehrsströme im sogenannten Waltershofer Knoten  entwickeln könnten – je nach Ausbau dieses Verkehrs-Nadelöhrs im Hafen, durch das sich täglich Hunderte Fahrzeuge bewegen.

Der richtige Riecher für technologische Entwicklungen

Der Chef des CML fand schon immer alles spannend, was mit Häfen und dem weiten Meer zu tun hat. Jahn, der aus dem Harz stammt, hat seine Berufslaufbahn auf einem Aufklärer der Bundesmarine begonnen. „Die allererste Fahrt war gleich auf der Gorch Fock,“ erzählt der studierte Maschinenbauingenieur und Diplomkaufmann begeistert.

Vielleicht lag es an der Seeluft, dass Jahn sofort den richtigen Riecher für technologische Entwicklungen hatte, von deren Erforschung  die maritime Wirtschaft profitiert. Zu den spektakulärsten Projekten des Fraunhofer CML gehört die Beschäftigung mit der Zukunft der Schifffahrt. „Wir forschen zum Beispiel daran, Schlepper mit Hilfe von Augmented Reality von Land aus fernzusteuern“, sagt der Institutschef.

Wären nicht die durch Corona bedingten Reisebeschränkungen dazwischengekommen, hätte ein CML-Team schon im Herbst den ersten Test eines ferngelenkten Schleppers im Rotterdamer Hafen absolvieren können. „So waren wir auf ein Drei-Meter-Modell hier in Hamburg reduziert“, sagt Jahn. „Aber ein richtiger Schlepper-Kapitän hat das Modell erfolgreich mit Datenbrille und Steuerkonsole durchs Wasser gelenkt.“

Ziel des CML sind völlig autonom manövrierende Schiffe. Die Gefahr, dass Künstliche Intelligenz in der Zukunft massenweise Arbeitsplätze an Deck oder im Hafen vernichtet, sieht der Forscher nicht: „KI wird die Menschen von einfachen Arbeiten oder monoton sich wiederholenden Entscheidungen befreien, damit sie sich anderen  Aufgaben widmen können.“