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Odessa – das Tor zur Welt

Anfang des Jahrtausends übernahm die HHLA eine Hafenanlage in Odessa. Heute ist es der wichtigste Containerterminal der Ukraine. Lesen Sie eine Reportage von Olaf Preuss / WELT.

Der Hafen liegt inmitten von Odessa.

Eine prächtige Treppe gibt den Blick auf den Hafen frei, der sich mit seinen Kaianlagen, Kränen, Silos und Bahngleisen eng an der Altstadt entlangzieht. Sergej Eisenstein drehte hier im Jahr 1925 Szenen seines weltbekannten Films „Panzerkreuzer Potemkin“. Die Treppe ist ein Wahrzeichen der Stadt Odessa am Schwarzen Meer.

Direkt vor dieser Touristenattraktion liegt der Hafen, am Eingang werden alle Passanten ohne Unterschied kontrolliert. Philip Sweens, der Geschäftsführer von HHLA International, kennt das, er ist regelmäßig in Odessa. Für den Hamburger Hafenkonzern ist dies ein wichtiger Teil des Auslandsgeschäftes. Die HHLA betreibt den größten Terminal in der ukrainischen Stadt. Sweens zeigt der Wache am Portal seinen Hafenausweis, dann bringt ihn der Fahrer hinaus zu den Anlagen, vorbei an dichter Bebauung. Die Stadt ist der Hafen, und der Hafen ist die Stadt, ganz ähnlich wie in Hamburg. „Odessa ist der wichtigste Hafen der Ukraine – insgesamt und vor allem für den Containerumschlag –, aber er ist komplett von der Stadt umgeben“, sagt Sweens. „Mit dieser Restriktion arbeiten und planen wir.“

 

Der leistungsfähigste Hafen

 

Die Stadt hat derzeit den leistungsfähigsten Hafen des Landes, den der große Nachbar Russland nicht blockiert. Bei den Gesprächen mit Verantwortlichen vor Ort wird deutlich, welchen ökonomischen und strategischen Wert der Hafen besitzt – auch für Investoren wie die HHLA. Odessa, rund 300 Kilometer nordwestlich der Krim, gewann für die Ukraine nach der Annektion der Halbinsel durch Russland im Jahr 2014 stark an Bedeutung. Zwar gilt der Krieg in der Ostukraine als „eingefroren“, die Fronten zwischen den ukrainischen Truppen und den Separatisten sind weitgehend erstarrt. Doch die Lage kann schnell wieder eskalieren.

Ende November rammte ein russisches Marineschiff an der Meerenge von Kertsch – zwischen Russland und der Krim – ein ukrainisches Marineschiff. Russische Spezialeinheiten kaperten insgesamt drei ukrainische Schiffe und nahmen 24 Seeleute fest, die seither in russischer Haft sitzen. Seit der Besetzung der Krim kontrolliert Russland die Häfen Sewastopol und Jalta. Obendrein kann es den Zugang zu weiteren ukrainischen Häfen im Asowschen Meer behindern, die hinter der Krim liegen, etwa die Zufahrt zum wichtigen Industriehafen von Mariupol. „Für die Verladung von Getreide ist die Situation im Asowschen Meer nicht so kritisch, für andere Rohstoffe wie Stahl hingegen schon“, sagt Anastas Kokkin, der Chef des HHLA-Terminals, den Sweens am Verwaltungsgebäude trifft. Kokkin zeigt auf Stapel von Stahlblechrollen auf einer Hafenanlage nebenan: „Viele Stahlexporte, die früher über Mariupol verschifft wurden, gehen heute über Odessa.“

 

 

 

Alt sind die Verstrickungen zwischen den beiden Ländern, die heutzutage für Gewalt und Spannung sorgen. Die Ukraine selbst war früher ein Teil von Russland. Im Jahr 1794 ließ Zarin Katharina die Große Odessa gründen, damit ihr Reich einen besseren Zugang zum Schwarzen Meer und zum Mittelmeer erhielt, für die Marine wie auch für Frachtschiffe. Für den Außenhandel ist Odessa heute so bedeutend wie damals – und deshalb so interessant für Investoren aus dem Ausland.

Ein Tochterunternehmen der HHLA kaufte den Terminal in Odessa im Jahr 2001. Russland und die anderen früheren Republiken der zerfallenen Sowjetunion sortierten sich da als selbstständige Staaten gerade neu, auch die Ukraine. Investoren aus Westeuropa waren hoch willkommen. Damals erwartete man nicht, dass es zwischen der Europäischen Union und Russland wieder harte Konfrontationen geben könnte. Dann jedoch besetzte Russland die Krim. Zugleich eskalierte der Krieg in der Ostukraine, bei dem Moskau die Separatisten unterstützt, die für einen Anschluss an Russland kämpfen.

 

Die HHLA investierte 150 Mio. Dollar

 

Die HHLA ließ sich von den Verwerfungen nicht beirren. Seit 2005 investierte das Unternehmen 150 Millionen Dollar, um den Terminal zu modernisieren, die Fläche wurde verdoppelt. „Das ist eines der größten Investments einer deutschen Firma in der Ukraine. Der Terminal wurde damit zum modernsten des Landes“, sagt Sweens. Mit inzwischen 35 Hektar Fläche ist die Anlage in Odessa zwar nur etwas mehr als halb so groß wie das kleinste HHLA-Terminal in Hamburg, der Tollerort. Doch für ein ökonomisches Schwellenland wie die Ukraine ist das ein Schwergewicht. Sweens und Kokkin fahren über das Gelände, um den Ausbau zu besichtigen. Drei neue Containerbrücken stehen bereits auf dem Kai, Arbeiter bereiten die Errichtung von Containerlagern vor. Neben den Stahlboxen sollen verstärkt auch andere Güter bewegt werden. „Die Anlage wird zu einem Mehrzweckterminal weiterentwickelt“, sagt Sweens. „Wir schlagen hier unter anderem schwere Projektladung wie etwa Ausrüstungen für die Ölwirtschaft um. Auch der Umschlag von Weizen kann ein wichtiger Wachstumsfaktor sein.“

 

Bauarbeiten auf der Quarantäne Mole

 

 

Die Hafenverwaltung von Odessa sitzt in einem repräsentativen, 200 Jahre alten Gebäude, gleich am Eingang zum Hafen. Von hier aus behält Dimytry Podoryan, der stellvertretende Hafenchef, den Überblick. Vor allem der Containerumschlag sei in Odessa zuletzt stark gewachsen, sagt er. Zudem hat die ukrainische Marine ihr Hauptquartier nach der Annektion der Krim durch Russland von Sewastopol nach Odessa verlegt. Russland könnte zwar auch den Seeverkehr vor Odessa stören. „Aber das wagen sie nicht“, sagt Podoryan und öffnet auf seinem Smartphone eine Luftaufnahme des Hafens: „Unsere Marine liegt hier, mittendrin.“ Auch zeige die Nato öfter Flagge in Odessa.

 

Der Containerterminal der HHLA in Odessa ist inzwischen der drittgrößte im Schwarzen Meer insgesamt. Am Containerumschlag in der Ukraine hält die Anlage rund 40 Prozent Anteil, mit 338.000 Containereinheiten (TEU) im vergangenen Jahr. Hier geht es voran. „Die Ukraine will ihren Außenhandel trotz der politischen Probleme weiter erhöhen“, berichtet Vassiliy Vesselovski, Chef des ukrainischen Beratungsunternehmens Informall B. G. „Der Terminal der HHLA dürfte dabei weiter an Menge, aber auch an Marktanteilen gewinnen.“ Jährlich bis zu 850.000 TEU könne der Terminal heute schon umschlagen, noch mehr Kapazität sei geplant.

Die Anlage der HHLA wächst, trotz aller wirtschaftlichen und politischen Probleme. Dass die Spannungen zwischen Russland und der Ukraine nachlassen, ist hingegen nicht zu erwarten. Ende März wählen die Ukrainer einen neuen Präsidenten, neben Amtsinhaber Petro Poroschenko kandidiert erneut die Oppositionspolitikerin Julia Timoschenko. „Grundsätzlich hat Russland kein Interesse daran, den Konflikt in der Ostukraine zu beenden“, sagt ein erfahrener politischer Beobachter in Odessa, der nicht namentlich genannt werden möchte. „Solange die Ukraine in einen territorialen Konflikt mit einem Nachbarland steht, kann sie gemäß der Statuten nicht Mitglied der Nato werden.“

 

Ein wettbewerbsintensiver Markt mit vielen Akteuren

Die HHLA tut unterdessen das, wofür sie vor langer Zeit in die Ukraine gekommen ist. Hafenwirtschaft am Schwarzen Meer zu betreiben, ist auch ohne den politischen Großkonflikt eine Herausforderung. „Odessa ist ein wettbewerbsintensiver Markt, hier wird mit harten Bandagen gekämpft“, sagt Philip Sweens nach der Tour über das Terminal im Verwaltungsgebäude. Die Zahl der Akteure ist groß, die Marktverhältnisse sind mitunter intransparent. Viel mehr als die internationale Politik beschäftigt Sweens und seine ukrainischen Kollegen im Alltag, wie der Terminal per Schiene und Straße besser an das ukrainische Inland angebunden werden kann, und wann endlich der nötige Wellenbrecher vor dem Hafen gebaut wird, um die Schiffe und den Terminal bei Sturm ausreichend zu schützen: „Darüber spreche ich mit der ukrainischen, aber auch mit der deutschen Regierung“, sagt Sweens.

Als die HHLA nach Odessa kam, herrschten Zuversicht auf Öffnung und Aufschwung in Russland und in Osteuropa. Die Finanzmarktkrise und der Konflikt zwischen der Ukraine und Russland aber warfen das Geschäft zurück. Die HHLA glaubt dennoch weiter an die Perspektiven des Hafens und der Stadt: „Die Entscheidung für die Erweiterung des Terminals wurde vor der Finanzkrise getroffen. In den Jahren danach wäre diese Entscheidung vielleicht so nicht mehr gefallen“, sagt Sweens. „Heute sind wir sehr froh darüber, dass wir die Fläche der Anlage mehr als verdoppelt haben. Odessa und seine beiden Nachbarhäfen sind für die Ukraine die kritischen Häfen schlechthin.“

 

Autor: Olaf Preuss / WELT

 
Die Bahnanbindung des CTO soll verbessert werden.