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HHLA sucht Erfolg auch jenseits von Hamburg

Der Hafenkonzern der Hansestadt verstärkt seine internationale Präsenz und sucht neue Möglichkeiten für Übernahmen im Ausland

Philip Sweens (l.), Geschäftsführer von HHLA
International, mit Manager Anastas Kokkin auf
dem Terminal in Odessa

Nach einem Arbeitsessen in Odessa gegen Mitternacht ins Bett, um halb sechs ins Taxi und um sieben Uhr wieder in den Flieger, kurzfristig zu einem Gespräch mit dem ukrainischen Bahnchef in die Hauptstadt Kiew. Von dort abends zurück über Warschau nach Hamburg. Im vergangenen Jahr sei er 220 Mal geflogen, sagt Philip Sweens an diesem Tag zwischen einer Landung und einem Start: „Dieses Jahr wird es sicher weniger.“

Mit einer Handvoll Mitarbeitern baut Sweens (48), Geschäftsführer von HHLA International, seit 2017 das Auslandsgeschäft des Hamburger Hafenkonzerns aus. Die Ambitionen sind groß. Im Güterbahnverkehr war die HHLA, mit ihrem Tochterunternehmen Metrans, außerhalb Hamburgs stetig gewachsen. An den Kaikanten im Ausland aber hatte der Konzern seine Expansion lange Zeit nicht mehr vorangetrieben. Das änderte sich mit dem Amtsantritt von Angela Titzrath als Vorstandsvorsitzende Anfang 2017. Seither wird das Hafengeschäft der HHLA im Ausland wieder aktiviert, und Sweens ist dafür zuständig.

 

Bedeutung von HHLA International wird wachsen


Umsatz und Gewinn seines Bereiches würden zwar nicht öffentlich ausgewiesen, sagt er: „Wir gehen aber davon aus, dass die strategische Bedeutung von HHLA International für den Gesamtkonzern in den nächsten Jahren deutlich wachsen wird.“

Im Jahr 2001 hatte die HHLA einen Terminal in der ukrainischen Stadt Odessa am Schwarzen Meer übernommen. Trotz des Krieges in der Ostukraine und der Annektion der Krim durch Russland im Jahr 2014 investierte der Konzern seit 2005 rund 150 Millionen Dollar in die Modernisierung der Anlage, die Fläche wurde jüngst durch eine Erweiterung ins Meer hinein verdoppelt. 2018 übernahm die HHLA zudem einen Terminalbetreiber in Muuga nahe der estnischen Hauptstadt Tallinn. Beide Terminals zählen, wie auch kleinere Auslandsfirmen der HHLA, zum Geschäftsbereich von Sweens. „Ich führe nicht die operativen Geschäfte in Muuga und in Odessa, dafür haben wir jeweils komplette Managementteams vor Ort. Meine Rolle ist es, sicherzustellen, dass die angestrebten Ergebnisse erreicht und die Geschäfte strategisch weiterentwickelt werden. Außerdem halte ich engen Kontakt zu den jeweiligen Behörden und Regierungen.“  

 

Transportströme der Zukunft im Blick haben

 

Der gebürtige Schweizer Sweens, der auch niederländischer Staatsbürger ist, war von der Reederei UASC zur HHLA gewechselt. Bei Hamburgs wichtigstem Hafenunternehmen soll der erfahrene Hafen- und Schifffahrtsmanager das internationale Netzwerk ausbauen. „Übernahmen von Terminals in Europa wie zuletzt in Muuga folgen der Logik, logistische Knotenpunkte zu entwickeln, wobei wir vor allem die Transportströme der Zukunft im Blick haben“, sagt er. „Hinzu kommt, dass die Terminals in Estland und in der Ukraine auch unabhängig davon ein großes Wachstumspotenzial haben.“

Seit den 90er-Jahren orientierte sich die HHLA bei ihrer Expansion vor allem nach Osteuropa. Das hing früher vor allem mit der Öffnung des osteuropäischen und des russischen Marktes zusammen. Heutzutage kommt noch das strategische Ziel hinzu, Hamburgs Hafen möglichst eng mit der Entwicklung neuer Handelswege nach Asien zu verbinden, dem von China betriebenen Projekt einer „Neuen Seidenstraße“.

Angesichts der Spannungen zwischen Russland und der Europäischen Union – vor allem beim Konflikt in der Ukraine – bedeutet das ein beständiges Risiko: „Die aktuellen Spannungen zwischen der EU und Russland beeinflussen natürlich unser Geschäft“, sagt Sweens. „Aber die Investition in die Terminals in Muuga und in Odessa, die nicht weit von Russland entfernt liegen, sind als langfristiges Engagement angelegt. Wir gehen davon aus, dass sich die politische Lage langfristig entspannen wird.“

 

 

 

Auch über Europa hinaus könnte die HHLA in den kommenden Jahren expandieren, wenn sich Gelegenheiten ergeben, sagt Sweens. In Chile war das Unternehmen, das zu 68 Prozent der Stadt Hamburg gehört, einige Jahre lang an einem Terminal beteiligt, stieg dort aber wieder aus. Das Tochterunternehmen HPC, das ursprünglich auch den Terminal in Odessa übernommen hatte, kennt den Markt für Beteiligungen weltweit. Obendrein sondierte die HHLA etliche Terminals in vielen Ländern, bevor sie schließlich den Betreiber in Estland übernahm. „Wir prüfen neue Investments danach, ob sie uns eine angemessene Rendite bringen, ob sie unser Gewicht bei den Reedereien erhöhen und ob wir unser Know-how gewinnbringend einsetzen können“, sagt Sweens. „Wir müssen dabei nicht unbedingt Mehrheitseigner sein.“

Immer jedoch geht es um hoch spezialisierte Engagements, die genaue Kenntnisse des jeweiligen Landes erfordern. „Wir wollen und werden uns beim Ausbau unseres internationalen Geschäfts nicht mit den Marktführern wie Hutchison oder Dubai Ports messen. Entscheidend ist für uns, dass Zukäufe zum Netzwerk und zur Expansion der HHLA insgesamt passen“, sagt Sweens. „Die Fokussierung der HHLA orientiert sich nicht an maximaler Größe, sondern vor allem entlang der neuen Vielfalt in der Logistik und in der Hafenwirtschaft. Und es geht natürlich um Wertschöpfung für unsere Eigentümer.“

Langfristig sollen dabei auch Verbindungen zwischen den HHLA-Terminals in Osteuropa und dem Güterbahnnetz des Tochterunternehmens Metrans entstehen, sagt Sweens. Zunächst aber geht es darum, die bestehenden Terminals auf der Straße und der Schiene besser an ihr Hinterland anzubinden, vor allem in Odessa. Das klappt nur mithilfe der Politik. Deshalb muss Sweens an diesem Tag sehr früh aufstehen, um seinen Flug nach Kiew nicht zu verpassen.

 

Autor: Olaf Preuss / WELT