Im Himmel über Hamburg

HHLA-Sky hat den deutschen Innovationspreis 2021 gewonnen. Das HHLA-Magazin hat mit Lothar Müller, einem der zwei Geschäftsführer von HHLA Sky, über die Zukunft der Drohnenlogistik gesprochen. Der technikbegeisterte Manager nennt Drohnen die "Schweizer Taschenmesser des 21. Jahrhunderts".

Ein Interview, in dem nur um Drohnen geht: Welche Aufgaben werden sie als erstes übernehmen? Und gibt es Bereiche, wo ihr Einsatz nicht sinnvoll ist? Außerdem geht es um das richtungsweisende Hamburger Forschungsprojekt UDVeo. Was hat es sich vorgenommen? Wird es die Gesetzgebung zum Einsatz von der Drohnen in der gesamten EU prägen?


Beitrag hören

Hören Sie sich den Beitrag durch Klicken auf das PLAY-Symbol an.


Beitrag lesen

Das HHLA Magazin „Tor zur Zukunft“ beschäftigt sich heute mit der Frage, wie Drohnen die Logistik verändern werden. Lothar Müller, einer der beiden Geschäftsführer von HHLA Sky, hat sicher viele Antworten. Lothar, wir sind gespannt.
Ja Christian, erstmal vielen Dank, dass du mich hier zum Talk eingeladen hast. Mein Name ist Lothar Müller. Ich bin Physiker und Maschinenbauer und mein gesamtes Berufsleben lang ist es eigentlich so, dass ich mich immer mit neuen Dingen beschäftige. Neue Dinge im wahrsten Sinne des Wortes erfinden, entwickeln und dann auch diese neuen Dinge an den Markt bringen. Deshalb ist HHLA Sky eigentlich die ideale Position augenblicklich für mich.

Euer Name HHLA Sky verweist ja schon auf die Dimensionen, die Ihr erschließen wollt, also auf den Luftraum. Und ihr wollt auch im wahrsten Sinne des Wortes ganz oben mitspielen. Was genau habt ihr euch da vorgenommen?
Ja, wir als HHLA Sky wollen eine treibende Rolle dabei spielen. Also nicht nur in Deutschland, sondern auch in Europa. Wir wollen die Technologie entwickeln, die Drohnenflüge sicher und effizient macht. Dass man nicht nur eine Drohne durch die Luft schicken kann, sondern eine gesamte Drohnenflotte. Und dass es am Ende auch so ist, dass man die Drohne nicht immer im Blick behalten muss, als Mensch, sondern dass man die Drohne außerhalb der Sichtweite steuern kann.

Eigentlich ist HHLA Sky ja gar kein Startup mehr. Ihr habt ja bereits ein hervorragendes Produkt entwickelt. Um was handelt es sich da?
Ja, wir bieten unser Produkt am Markt an. Es ist eine Ende-zu-Ende Lösung: wir bieten eigene Drohnen an, robuste Industriedrohnen, und wir bieten ein Control Center an. Damit können gleichzeitig weit über 100 Drohnen gleichzeitig außerhalb der Sichtweite geflogen werden, damit wir das auch weltweit monitoren und steuern können. Natürlich bieten wir auch Beratungsleistung an, damit Kunden Genehmigungen bei Behörden einholen und dann auch ihr Personal schulen lassen können.

Unser Standort Hamburg hat sich zum Schwerpunkt der Forschung für Drohnen, Technik und Logistik entwickelt. Warum gerade Hamburg? Wie erklärst du dir das?
In Hamburg hat man erst einmal sehr viel Expertise vor Ort, weil man einer der großen Standorte in der Luftfahrtindustrie weltweit ist. Auf der anderen Seite bietet Hamburg natürlich ein ideales Testfeld. Wir haben hier zwei Flughäfen, bewegen uns in einer kontrollierten Zone des Luftverkehrs und können natürlich den Hamburger Hafen und Hamburg selbst sehr gut als Testfeld nutzen.

Eines der aktuellen Forschungsprojekte scheint von besonderer Bedeutung zu sein. Den Förderbescheid hat Bundesminister Andreas Scheuer immerhin persönlich übergeben. Was verbirgt sich denn hinter diesem Projekt?
Ja, wir sind Partner in dem Projekt UDVeo, das heißt Urbaner Drohen Verkehr effizient organisiert. Ich denke, da hat man lange nachgedacht, um auf so einen Titel zu kommen. Aber der Titel beschreibt sehr gut, was wir machen wollen. Also wir wollen ein Verkehrsmanagementsystem für den öffentlichen Raum bauen. Für einen dichtbesiedelten Raum, wo man Verkehr wirklich innerhalb der Stadt Hamburg möglich macht. Und ja, wir sind froh, dass wir unsere Expertise hier als Drohnenbetreiber und Hersteller von Technologie einbringen können.

Das Fliegen von Drohnen im urbanen Raum hält einige Herausforderungen bereit. Welche müssten als erstes gelöst werden?
Man muss sagen, dass der unbemannte Luftverkehr im urbanen Raum hochkomplex ist und das Zusammenwirken vieler Akteure beinhaltet. Für den Luftraum ist eigentlich der Bund zuständig, für den Verkehr auf dem Boden die Kommune. Da ist man genau an dieser Schnittstelle von zwei wichtigen Akteuren. Und natürlich bewegt sich Luftfahrt in einem regulatorischen Umfeld, das zurzeit noch von Unsicherheiten geprägt ist, ebenso durch einen sehr hohen Wettbewerbsdruck - und auch Gebietsansprüche - etablierter Player.

Stichwort Unsicherheiten. Das betrifft ja auch den gesetzlichen Rahmen. Ist das ein Punkt, mit dem er euch im Projekt UDVeo beschäftigt?
An diesem Projekt UDVeo sind weitere Wirtschaftsunternehmen aus Hamburg beteiligt, andererseits aber auch der Senat für Wirtschaft und Innovation mit der Landesluftfahrtbehörde. Da erhalten wir eigentlich sehr gute Unterstützung, was die rechtliche Seite angeht. Was wir machen: Wir nehmen dem rechtlichen Rahmen vorweg, wie er sich entwickeln wird. Den rechtlichen Rahmen gibt die Europäische Kommission in Durchführungsverordnungen vor, und dementsprechend bauen wir ein Urban Traffic Management System auf Basis dieser rechtlichen Regelungen, die erst noch kommen werden. So bauen wir ein System, das man dann durchaus im Jahr 2023 in Betrieb nehmen kann.

Und wenn die entsprechenden Gesetze dann verabschiedet wurden, dann stellt ihr gleich das passende technische System dafür zur Verfügung.
Das ist in der Tat so, es ist ein Praxisprojekt. Wir arbeiten hier mit der Luftfahrtbehörde zusammen und mit dem Senat für Wirtschaft und Innovation. Wir haben einen ganz engen Draht zur EU-Kommission und zur Europäischen Agentur für Flugsicherheit EASA. Und das ist ein Projekt, das auch durch Bundesmittel vom Ministerium für Verkehr und Innovation gefördert wird. Der Bund ist hier im Grunde direkt mit an Bord und verspricht sich natürlich etwas davon. Wenn wir das in Hamburg schaffen, so ein System zu implementieren, dann ist das natürlich auch ein Rolemodel für Deutschland ist, für andere Bundesländer. Aber auch nicht nur für Deutschland, sondern in Summe für die EU, weil der Rechtsrahmen dann in der gesamten EU im Jahr 2023 oder 2024 gleich sein wird.

Zu eurer Rolle als HHLA Sky bei diesem Projekt UDVeo: Ihr bietet ja eigentlich Software für Drohnenleitstände. Wird es in Zukunft einen Leitstand geben, der all die verschiedenen Verkehrsarten, die in der Stadt anfallen, bündeln und koordinieren kann?
Also ich denke, es hat eigentlich zwei Dimensionen. Die eine: wir haben augenblicklich ein Control Center gebaut für Verkehr innerhalb eines Industrieparks oder Industriegebietes. Und der logische Schritt ist natürlich, dass man den Verkehr über die Werkstore hinaus organisiert, Drohnen übers Werkstor hinaus fliegen lässt. Die Drohnen könnten dann eben zu einem anderen Unternehmen oder Industriegebiet fliegen. Das wäre der erste Schritt, und der zweite Schritt ist, dass man wirklich Verkehr im öffentlichen Raum organisiert. Diese zweite Dimension wäre, dass man neben Drohnen, die am Ende des Tages ja Roboter sind, auch andere Roboter steuern könnte. Das heißt, sowohl auf dem Campus Gelände bzw. Industriegelände, als auch im öffentlichen Raum. Das könnten zum Beispiel flurgebundene Fahrzeuge sein, die man einbindet. Und sagen wir mal, wenn dieses Fahrzeug nicht mehr aus der Parklücke rauskommt, kann ein Leitstand dabei helfen, dass er dann wieder auf die Straße kommt.

Womit habt ihr ganz praktisch angefangen in diesem Projekt?
Wir sind eigentlich erstmal mit einer Drohne angefangen, einer Inspektionsdrohne, die eine Brücke inspiziert. Selbst diese Drohne muss man erst mal in die Luft bringen. zu der entsprechenden Brücke bringen und gucken, dass dem Flug dorthin nichts im Weg steht - ein Hochhaus oder ähnliches. Das zweite ist, dass man eine zweite Drohne in die Luft bringt. Zur gleichen Zeit, vielleicht auch in der gleichen räumlichen Umgebung, um beispielsweise eine Gewebeprobe von einem Krankenhaus in ein zentrales Labor zu befördern. Diese Mission hat natürlich eine andere Priorität als eine Inspektionsdrohne. Und da muss man sich die Frage stellen: Was muss die eine Drohne von einer anderen Drohne wissen, so dass beide Drohnen ihre Mission auch sicher fliegen können - und auch effizient fliegen können? Nicht, dass die Drohne mit der Gewebeprobe hochgeht und die Inspektionsreise dann landen muss. Dann kann man kein effizientes System entwickeln. Und das andere, was auch wichtig ist: es geht ja nicht nur um Drohnen, sondern um Luftverkehr im unteren Luftraum. Beispielsweise ein Rettungshubschrauber, in Hamburg hat der zehn bis 50 Einsätze am Tag. Das heißt, so ein wendiger Rettungshubschrauber kann 120 km/h schnell fliegen. Damit braucht man eine Vorwarnzeit von zwei Minuten für Drohnen und muss man am Ende des Tages ein Kreis von fünf Kilometer um den Rettungshubschrauber ziehen. Und da sieht man: Wenn die Rettungshubschrauber einfach so fliegen könnten, ohne dass sie eine Flugabsicht dem Leitstand mitteilen, dann müsste man eigentlich immer den gesamten Luftraum über Hamburg komplett sperren.

All die Informationen über die Nutzung des Luftraums, die sollen dann in einem Leitstand zusammengebracht und dann auch verteilt werden.
Genau, dass jeder Beteiligte die Information die er braucht auch bekommt, dass er sich dann sicher im Luftraum bewegen kann. Aber auch effizienter seinen Luftraum wirklich nutzen kann für seine Mission, dass er auch eine Planbarkeit in dem hat, was er macht. Wenn man diese drei Missionen nimmt: die Inspektionsdrohne, eine Drohne, die Gewebeproben durch Hamburg transportiert, und diesen Rettungshubschrauber, dann haben wir drei Objekte in der Luft. Der Schritt zu zehn Teilnehmern im Luftraum, zu 50 und 100, der ist eher dann der kleinere Schritt für die Skalierung.

Mal ganz konkret Welche Aufgaben werden Drohnen als erstes erledigen? Vielleicht kannst du uns da mal ein paar Beispiele geben, vielleicht sogar aus Hamburg.
Ich glaube, was als erstes kommt, wird der Transport von Werkzeugen sein, von Kleinteilen oder Laborproben. Dort, wo man einfach schnell das Ergebnis braucht, schnell Reparaturen ausführen muss, damit Folgeprozesse wieder angestoßen werden. Oder zum Beispiel Brückeninspektionen. Wenn man Brücken schnell und effizient inspizieren kann, ohne dass man sie schließen muss, werden einfach Staus vermieden. Das wird ein ganz wichtiger Anwendungsfall sein. Gerade in Hamburg haben wir ja ausreichend viele Brücken.
Andere Themen werden sein, dass man einfach Kurierfahrten mit dem Fahrzeug vermeidet, wobei der Fokus sicherlich dabei auf medizinischen Transporten liegt. Das heißt, wenn heute ein Chirurg eine Operation macht, einen schnellen Schnitt macht und den schnell untersuchen lassen will. Heute ist das so, dass in der Tat ein Kurierfahrer durch die Stadt fährt und man auf das Ergebnis der Laborprobe warten muss. Und der Patient liegt immer noch auf den Operationstisch. Je schneller es geht, umso besser und risikoärmer.

Du hast mal die Drohnen als das Schweizer Taschenmesser des 21. Jahrhunderts bezeichnet. Das ist ein ganz schöner Vergleich. Aber gibt es auch etwas, wofür diese Taschenmesser, also die Drohnen, nicht geeignet sind?
Erst einmal zum Thema Schweizer Taschenmesser. Mit Drohnen kann man sehr viel machen, noch weit mehr, als man sich heute vorstellen kann. Vielleicht hat auch hier jeder noch die schönen Bilder in der Erinnerung von der Mars-Mission. Dort hat man ja auch Drohnen hochsteigen lassen, damit der Rover weiß, wo er hinfährt und nicht an irgendeinem Hindernis hängen bleibt. Ich glaube, Drohen werden sich überall da durchsetzen, wo es auch ein wirklicher Nutzen erkennbar ist. Drohnen werden sich nicht durchsetzen, wo eigentlich nur etwas substituiert wird. Das heißt, dass man beispielsweise einfach einen Transport substituiert, den augenblicklich vielleicht ein Hubschrauber macht, oder dass man die Passagierflüge mit Hubschraubern substituiert durch Drohnenflüge. Also die reine Substitutionen wird keinen Erfolg haben, sondern man muss erst mal wirklich neue Dinge machen, und das kann dann auch wirklich wesentlich wirtschaftlicher passieren.

Nicht nur die HHLA, auch Hamburg, Deutschland und die EU haben eine Wasserstoffstrategie. Es sieht also so aus, als wäre Europa bei dieser Technologie mal ganz vorne dabei. Oder täuscht das?
Deutschland ist in Europa einer der Vorreiter im Bereich Wasserstoff. Wir waren eines der ersten Länder, was eine Wasserstoffstrategie verabschiedet hat. Norddeutschland - und ich rede hier über die fünf Küstenländer - hat mit der norddeutschen Wasserstoffstrategie auch seinen Beitrag geleistet. Da hat Senator Westhagemann aus der Wirtschaftsbehörde einen ganz erheblichen Anteil daran, weil er Wasserstoff sehr gepusht hat. In Hamburg, aber auch in ganz Norddeutschland. Nach Deutschland sind sämtliche europäischen Länder auf den Zug mit aufgesprungen. Wir haben praktisch in jedem europäischen Land Milliarden von Fördersumme, die in Wasserstoff investiert werden sollen. Auch die Europäische Kommission hat im Rahmen ihres Green Deals Wasserstoff als einen wesentlichen Energieträger identifiziert. Allerdings muss man sagen, dass auch die Chinesen sehr früh und - wie die Chinesen das so machen - staatlich gelenkt und mit großem Engagement in dem Bereich unterwegs sind. Und auch unsere amerikanischen Freunde sind seit Jahrzehnten aus ganz anderen Gründen im Bereich Wasserstoff unterwegs. Insofern können wir nicht sagen, dass wir Vorreiter sind. Aber wir haben eine gute Startposition, und es ist wichtig für uns, dass wir diese auch nutzen.

In Hamburg gibt es - Du hast es gerade angesprochen - Herrn Senator Westhagemann, der das Thema Wasserstoff mit persönlichem Engagement voranbringt. Und es gibt hier auch sehr viele Projekte, die sich etabliert haben, Entwickelt sich an der Elbe gerade ein Wasserstoff-Cluster mit internationaler Ausstrahlung?
Ich denke schon, dass sich das entwickelt. Wobei man die Beurteilung immer erst hinterher machen sollte. Aber eins ist richtig: Hier entwickelt sich unheimlich viel. Wir haben im Rahmen eines europäischen Vorhabens, der sogenannten IPCEI Projekte, einen Wasserstoff-Verbund gegründet, der sich mit der Erzeugung, der Anwendung von Wasserstoff in der Luftfahrt und in der Logistik bis hin zum Transport von Wasserstoff beschäftigt. Und auch hier zeigt sich wieder, dass man in Hamburg auf engem Raum einfach fast alles untersuchen und machen kann. Das ist einer der großen Vorteile dieser Region. Und das wird meiner Meinung nach auch dazu führen, dass sich hier ein Cluster herausbildet.

Das könnte ja wirklich eine ganz herausragende Zukunftsperspektive sein, hier auch für die Region um den Hafen herum. Glaubst du, dass die HHLA dabei eine wesentliche Rolle spielen wird?
Ich denke, wir haben alle Voraussetzungen dafür. Über unser Netzwerk und unsere Umschlagterminals habe ich schon gesprochen. Was ich aber noch nicht erwähnt habe - und das ist unser größter Schatz - sind unheimlich viele gut qualifizierte Mitarbeiter. Diese Mitarbeiter können in Zukunft im Bereich Wasserstoff eingesetzt werden, im ganzen Bereich Wartung und Technik, der auch gerade in einem Umbruch ist. Wir können Mitarbeiter gut qualifizieren, von fossilen Energieträgern hin zu Brennstoffzellen-Technik, und den Strukturwandel im Hafen durch den Einsatz dieser neuen Technik befördern. Damit werden wir Hamburg insgesamt als Wirtschafts- aber auch als Hafenstandort stärken.