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Die Speicherstadt und ihre Quartiersmänner

Der Quartiersmann kontrollierte hochwertige Importgüter aus aller Welt, die er dann auf den Böden der Speicherstadt für Hamburger Kaufleute einlagerte. Vor allem seine hervorragenden Kenntnisse im Lagergeschäft zeichneten ihn aus.

Wenn heute die Speicherluken am Holländischen Brook geöffnet werden, wehen italienische Designerkleider und indische Kaschmirschals im Wind. Zarter Stoff stapelt sich auf gegerbten Eichenbohlen – bei der Kundschaft aus der Modewelt ist das en vogue. Die fernen Länder sind den Speichern geblieben. Aber das Quartier hat sich gewandelt.

Horst Röschen kennt sie noch – die alte Speicherstadt, die nach Kaffee und Gewürzen riecht. 1950 hat er dort seine Ausbildung zum Quartiersmann begonnen. Gerade mal 14 Jahre alt. „Ein bisschen mager ist er, aber das kriegen wir hin“, murmelte der Chef damals zu sich selbst und einem Kollegen. „Damit hatte ich meine Stelle als Quartiersmann“, erinnert sich Röschen genau.

Der Ausbildungsbetrieb „Friedr. Leinau Söhne“ am Holländischen Brook 5 und 6 spezialisierte sich vor allem auf die Lagerung von Rohkaffee. Das hochwertige Importgut aus Brasilien, Kolumbien und Indonesien kam mit der Schute oder dem Lkw in die Speicherstadt. Eine Schute transportierte bis zu 100 Tonnen Kaffee, verpackt in Jutesäcken. „Über die Seilwinde an den Speicherblöcken haben wir die Säcke aus der Schute in den Speicherboden geholt“, sagt Röschen. Dafür wurden sieben Säcke zu einer Hieve zusammengeschnürt und nach oben gezogen. Vor der geöffneten Lukentür in luftiger Höhe wurde sie durch einen kräftigen Schubs zum Schwingen gebracht und beim Rückschlag auf den Speicherboden gesetzt.

„Bevor wir die gewogene Ware einlagerten, kontrollierten wir mit dem Probenstecher einzelne Partien. Schließlich waren wir für angenommene Ware verantwortlich“, erinnert sich Röschen. Zu seinen Aufgaben gehörte auch die Veredlung der Waren. „Auf Kundenwunsch haben wir den Kaffee gestürzt. Dabei werden unterschiedliche Sorten gemischt und die Säcke anschließend wieder per Hand vernäht.“ Erst dann wurden die Waren auf den Eichenböden bis zur Abforderung durch Kaufleute zwischengelagert.

„Ohne Gerätschaften ließen sich die prall gefüllten Jutesäcke kaum greifen.“ Die Sackgriepe oder Zuckerklatsche waren daher wichtige Arbeitsutensilien des Quartiersmannes. „Knochenarbeit,  die zusammenschweißt“, weiß Röschen, der jeden Tag 16 Scheiben Brot dabeihatte.

Als 17-Jähriger beendete er seine Ausbildung und wechselte zum Quartiersmann „H. Glimmann & Cons.“ in den Speicherblock S. Woher der Begriff Quartiersleute stammt, ist bis heute nicht eindeutig geklärt. Traditionell schlossen sich vier Personen zusammen. Eine Person fungierte als Namensgeber und drei weitere firmierten als Consorten. 1955 kam Röschen zur HHLA. „Da habe ich zwar nur 90 Mark in der Woche verdient und hatte somit 30 Mark weniger, aber dafür war der Job sicherer“, ist Röschen noch im Nachhinein froh über seine Entscheidung. Eingesetzt wurde Röschen im Lagerbereich Block X, wo hauptsächlich Tabak, aber auch Tee, Felle oder Wein eingelagert wurden. „Dort konnte ich meine Warenkenntnisse noch richtig vertiefen.“

Die Containerisierung ab Ende der 60er-Jahre machte die Einlagerung der Säcke und Kisten per Hand entbehrlich. Somit wandelte sich das Berufsbild des Hamburger Quartiersmannes zur heutigen Fachkraft für Lagerlogistik. Ein begehrter Ausbildungsberuf bei der HHLA.