Die tägliche Krise managen

Aus dem Radiowecker von Philip Sweens tönt die ernste Stimme des Nachrichtensprechers. Dem Manager ist sofort klar: Seine Geschäftsreise, die für diesen Tag geplant war, muss er absagen. Und auch sonst wird wenig so bleiben, wie er es bis gerade eben gewohnt war. Es ist Donnerstag, der 24. Februar, 6 Uhr. Der russische Präsident Wladimir Putin hat am frühen Morgen den Einmarsch seiner Armee in die Ukraine befohlen.

Für viele Menschen steht in diesem Moment die Welt still, für Sweens dreht sie sich umso schneller. Er ist als Geschäftsführer von HHLA International für die Terminals in fünf Ländern zuständig. Seit Anfang des Jahres leitet er zudem den Krisenstab, der sich um den Containerterminal in der ukrainischen Hafenstadt Odessa kümmert. Diesen hatte die HHLA ins Leben gerufen, nachdem Putins Rhetorik immer schärfer und der russische Truppenaufmarsch immer bedrohlicher wurde.

Direkt nach dem Aufstehen greift Sweens zum Telefon, ruft den Geschäftsführer in Odessa an, erkundigt sich, wie es den 480 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern geht. Gab es bereits Angriffe in der Nähe oder wissen die Menschen vor Ort schon mehr als der Nachrichtensprecher aus dem Radio?

„Dann verschwimmt der ganze Tag“, beschreibt Sweens diese Ausnahmesituation. Er hatte sich eine solche Eskalation nicht vorstellen können. Videoschalte reiht sich an Videoschalte, dazwischen eine Pressekonferenz gemeinsam mit der Vorstandsvorsitzenden der HHLA, Angela Titzrath. Die Lage bleibt unübersichtlich. Und doch trifft Sweens an diesem Tag viele Entscheidungen. Schnell und sicher.

Ukraine-Hilfsfonds: HHLA spendet eine Million Euro

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Er ist vorbereitet, denn in den vergangenen Wochen hat er gemeinsam mit seinen Kollegen einen Notfallplan erarbeitet. Der umfasst mehrere Stufen, vom Normalbetrieb am Terminal in Odessa über verschiedene Gefährdungslagen. „Für jede Stufe haben wir genau definiert, was wir tun, sobald sie eintritt. Das hilft in solchen Situationen, um keine Zeit zu verlieren“, sagt Sweens.

Mit dem Beginn des Krieges hievte die HHLA die Gefährdung gleich um zwei Stufen nach oben. Das Terminal in Odessa wurde von den ukrainischen Behörden geschlossen, die Anlagen gestoppt, fast alle Beschäftigten nach Hause geschickt und die Evakuierung von Mitarbeiterinnen und den Familien der Beschäftigten nach Hamburg vorbereitet. Die Männer mussten im Land bleiben.

So direkt wie die HHLA sind nur wenige deutsche Firmen vom Krieg in der Ukraine betroffen. Doch die gesamte deutsche Wirtschaft ist seit gut zwei Jahren im Krisenmodus – und dürfte es noch ein paar weitere Jahre bleiben: Erst kam Corona, dann die Lieferengpässe, nun auch noch Energieengpass und Inflation.

Gut also, dass die HHLA erfahrene Krisenmanager wie Philip Sweens hat. Und das nicht nur in einer akuten Notlage, sondern permanent, denn Risiken gibt es im Geschäftsleben überall, jederzeit. Eine Erkenntnis, die sich in den vergangenen zwei Jahren durchgesetzt hat, bestätigt Sweens: „Vorausschauendes Risikomanagement ist ein wichtiger Teil unseres Geschäftsmodells. Wir erfassen Risiken systematisch und bewerten sie.“ Nur so kann rechtzeitig ein Plan B entstehen – und zur Not noch ein Plan C oder D.

 

Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung der Wirtschaftswoche am 7.Juni 2022