Meilensteine der Hafenlogistik (1)

Teil 1 unserer Mini-Serie zeigt, wie Technologiesprünge die Produktivität vervielfacht und die Sicherheit erhöht haben. Den Hamburgern geht ein elektrisches Licht auf und der Triumphzug einer unscheinbaren Stahlkiste beginnt.

Schwere Lasten waren im Hamburger Hafen des späten 19. Jahrhunderts ein Fall für starke Muskeln – oder für die Brown’schen Dampfkräne (siehe Bild oberhalb des Artikels) die mit ihrer Hebekraft den Umschlag erleichterten, zum Beispiel am Sandthorkai, dem modernsten Teil des Hamburger Hafens. Selbst dort wurde zu dunklen Tages- und Jahreszeiten die Ladung bei schummriger Beleuchtung gelöscht und geschleppt. Gaslaternen und Öllampen machten die Feuergefahr zum allgegenwärtigen Begleiter der Hafen- und Lagerarbeit.

Dann ging den Hamburgern allmählich ein Licht auf, zuerst in der 1888 neu eröffneten Speicherstadt. Als Eigentümerin und Bauherrin setzte die HFLG (eine Vorläuferin der HHLA) im modernsten und größten Hafenlogistikzentrum seiner Zeit von Anfang an auf elektrische Beleuchtung. Nicht nur in den Speicherblöcken wurde es heller, auch die Fleete wurden von Kohle-Lichtbogenlampen überspannt.

Schnell griff die Elektrifizierung des Hafens um sich: Der erste brauchbare Elektrokran ging 1891 am Petersenkai im Baakenhafen in Betrieb und läutete das Ende der weniger effizienten Dampfkräne ein.

Elektrokarren schwärmen im Hafen aus

Zu dieser Zeit waren etwa 25.000 Menschen im Hamburger Hafen tätig, die Hälfte davon als Schauerleute für das Be- und Entladen der Schiffe. Sie schoben mit ihrer Muskelkraft Hunderte Sackkarren zwischen Kaikante und Lagerschuppen oder der Bahnrampe (siehe Bild) hin und her. Für die Abfertigung eines einzigen Schiffes mussten 200 bis 500 Menschen mit diesem primitiven Arbeitsgerät fast alle Stückgüter verladen.

Für einen Innovationssprung beim Güterumschlag sorgte die Elektrokarre. Ein Experiment unter Aufsicht der Kaiverwaltung zeigte im Jahr 1925, dass ein Elektrokarrenfahrer 10.000 Sack Zucker ebenso schnell umsetzen konnte wie zehn Sackkarrenschieber. Bald wimmelte es im Hafen von den batteriebetriebenen (!!) Transportfahrzeugen. Einige davon waren sogar mit Mini-Kränen ausgestattet (im Bild hinten).

Der Gabelstapler kombinierte zwei Arbeitsebenen

Doch das Stapeln der Säcke oder Kisten blieb gefährliche Knochenarbeit. Hier brachte der erste deutsche Gabelstapler EGS 1000 oder "Muli" der Firma Still (siehe Bild) den nächsten großen Effizienzschub. Er kombinierte die Arbeitsebenen von Schuppenkran und Elektrokarrre, also Senkrechte und Waagerechte. Kühne & Nagel setzte ihn ab 1950 erstmals im Südwesthafen ein, und auch die HHLA verwendete schon ab 1952 Gabelstapler. In den 1960er Jahren waren sie auf allen Kais in Gebrauch.

Nur wenige Jahre später ließ eine simple Erfindung nicht nur den neuen Gabelstapler, sondern die komplette Logistik der Lagerschuppen am Kai alt aussehen. Es war eine stapelbare Blechkiste mit genormten Dimensionen, der Container, der eine Revolution in der Logistik einläutete.

Alles, was in Kisten oder Säcken kam, passte auch in den Container

Am 2. Juni 1968 lief die „American Lancer“ der United States Lines als erstes Vollcontainerschiff im Hamburger Hafen ein. Das Geniale an der Stahlkiste: mit ihr lässt sich ein modulares und wetterfestes Warenlager an jedem Platz der Welt aufstellen. Auch die Verladung und der Weitertransport mit Lkw oder Bahn sind einfach und effizient, dank ihrer überall gleichen Standardmaße mit 20 oder 40 Fuß Länge.

Schrittweise ersetzte der Container erst die Lagerschuppen im Hafen und dann sogar die gesamte Speicherstadt! Diesen traditionsreichen und ehemals weltgrößten Lagerhauskomplex nutzen heute nur noch hochspezialisierte Gewerbe wie Kaffeeröster, Tee- und Gewürzblender und der Teppichhandel. Alles andere, was in Kisten oder Säcken aus Übersee kam, fand sich über kurz oder lang im Container wieder. Dieser entpuppte sich als die wirkmächtigste Logistik-Erfindung aller Zeiten, übertroffen nur vom Rad und vom Schiff selbst.

Um die Transportketten gänzlich auf den Container zuzuschneiden, musste allerdings die Umschlagtechnik ganz neu konstruiert werden. Der tonnenschwere Metallbehälter überforderte den Gabelstapler und die Tragkraft vieler Kräne. Als der Hamburger Burchardkai zum Liegeplatz für Containerschiffe ausgebaut wurde, installierte die HHLA erste Containerbrücken und dazu eine Reihe von Kaikränen mit bis zu 25 Tonnen Hublast. Die ersten Van-Carrier, hochbeinige Spezialtransportfahrzeuge mit Greifern für Container, wurden in Kooperation mit der HHLA entwickelt und bewegten ab 1968 Container zwischen Schiff und Lkw.

Der Produktivität im Hafen verlieh die Box Flügel

Am Burchardkai, bald „Containerterminal“ oder kurz CTB genannt, ging es nun Schlag auf Schlag. Das erste Containerschiff mit Fahrgebiet Fernost machte im Januar 1972 fest, und Ende der 1970er-Jahre brachten bereits mehr als 100 Linien aus aller Welt Container über die Elbe nach Hamburg. Die Hansestadt wurde früh und überaus erfolgreich in das globale Netz der Stahlkisten-Logistik eingebunden.

Der Produktivität im Hafen verlieh das Flügel. Beispiel Kaffee: In einen modernen Standardcontainer, wie er am CTB umgeschlagen wird, passen rund 24 Tonnen Kaffeebohnen. Das ist nur eine Tonne weniger, als ein Kaiarbeiter im Jahr 1964 während einer ganzen Schicht bewegte. Eine heutige Hafenfachkraft schlägt in derselben Zeit etwa 1920 Tonnen Kaffeebohnen um, also fast 80-mal so viel. Oder, um es für Genießer umzurechnen: den Rohstoff für fast 300 Millionen Tassen Kaffee.

Meilensteine der Hafenlogistik (2)

In Teil 2 werden aus Papierbergen Datenströme, die ein Terminal steuern. Rasant verändern sich auch die Berufe der im Hafen Beschäftigten.

Teil 2 lesen